Die Neuerfindung des Breakdance

11. Mai 2005, 19:17
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"H2, 2005" von Bruno Beltrãos

Wien - HipHop ist ursprünglich eine Straßenkunst, in der junge Männer einander und möglichst vielen Mädchen zeigen, was sie drauf haben. Es geht um Identität, Breakdance-Akrobatik und Gruppendynamik. Längst ist HipHop eine hochpopuläre Musik-und-Mode-Bewegung geworden.

Bei den Wiener Festwochen zeigt ein 26-jähriger Ex-Streetdancer aus Niterói in Brasilien, Bruno Beltrão, zurzeit ein seltenes Beispiel für die Quadratur eines Kreises. Denn vor seinem Auftauchen im internationalen Festivalzirkus vor drei Jahren waren alle Versuche gescheitert, den hippen Breakdance auf der Bühne hoppen zu lassen. In Wien etwa sowohl 2001 bei einer ambitionierten ImPulsTanz-Hip*Hop-Konferenz als auch zuletzt vergangenen November im Kosmostheater bei der Performance Step into da Cypher von Nina Kripas.

Nun weist Beltrão in seinem Stück H2, 2005 nach, wie der Sprung von der Straße ins Theater gelingen kann. Eben nicht durch eine schlichte Übersetzung, sondern durch eine Neuerfindung des HipHop unter Berücksichtigung der Grenzen und Möglichkeiten eines Bühnenraums sowie der Verbindung von Strategien aus dem künstlerischen Tanz mit der Ästhetik des Streetdance. Über eine Lichtprojektion eröffnet der Choreograf den zwölf grandiosen Boys einen medialen Raum. Zu Beginn lesen wir: "Hip Hop loves the Beat of the Music." Drei Tänzer bewegen sich atemberaubend zu einer Adaption des Hummelflugs von Rimsky-Korsakow. Das Publikum ist angeheizt. Sofort drosselt Beltrão das Tempo, nimmt den projizierten Satz Begriff um Begriff zurück.

Bei den Worten "Hip Hop loves" küssen die Tänzer einander auf die Münder - ein Verweis auf Gender-Diskurse und Zeichenstrategien im konzeptuellen Tanz. Der Breakdance wird dekonstruiert, seines spektakulären Brimboriums entkleidet. Die schwarz-weiße Bühne erstrahlt in intensivem Grün, während die Zuschauer sich an die nur noch von vereinzelten, zarten Sounds begleiteten Tanzzerlegungen gewöhnen. Und knapp bevor diese Analyse bei Ungeduldigen zu Unruhe führt, fährt Beltrão das Tempo zu einem furiosen Schlussakt hoch. Was bleibt, ist der Eindruck von einer konzeptiv wie ästhetisch sehr gelungenen Arbeit.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2005)

Von Helmut Ploebst
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