Arabischer Besuch in Südamerika

25. Mai 2005, 10:52
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Die Annäherung zwischen Südamerika und der arabischen Welt ruft Misstrauen in den USA und Israel hervor

Brasiliens Präsident Lula leitete beim Gipfeltreffen eine Annäherung zwischen Südamerika und der arabischen Welt ein. Die USA und Israel blicken mit Misstrauen auf die neue Allianz. Aus Brasília berichtet Gerhard Dilger.

Das erste südamerikanisch-arabische Gipfeltreffen ist am Mittwoch in Brasília zu Ende gegangen. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva trieb seine Süd-Süd-Außenpolitik weiter voran. Er forderte eine "Demokratisierung der internationalen Organisationen, damit die Stimme der Entwicklungsländer gehört wird" - Brasilien will einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Erst durch einen "gerechten und ausgeglichenen Handel ohne aufgezwungene Subventionen" könnten die armen Länder von der Globalisierung profitieren.

Die Betonung wirtschaftlicher Themen durch die Gastgeber war auch als Signal nach Washington gedacht, denn dort wird die Annäherung zwischen den beiden Regionen mit unverhohlenem Misstrauen verfolgt.

Keine US-Teilnahme

Vor Wochen hatte der brasilianische Außenminister die Bitte der USA, einen Beobachter entsenden zu dürfen, kühl abgelehnt: Alle Interessierten könnten das Treffen am Bildschirm verfolgen, sagte Celso Amorim damals.

Nun lobte Syriens Premierminister Mohammad Naji Otri Brasiliens "Entschlossenheit und Mut", dem Druck gegen den Gipfel widerstanden zu haben. Dass nur sieben der 22 arabischen Delegationen von einem Staatsoberhaupt angeführt wurden, dürfte allerdings mit diesem Druck zusammenhängen. Viel Beifall bekam Venezuelas Präsident Hugo Chávez, der eine "neue Geopolitik" in der Tradition der Blockfreien forderte. Seit dem Niedergang der Sowjetunion versuche "der nordamerikanische Imperialismus", der Welt "mit Maschinengewehren, Kanonen, Drohungen und Invasionen" sein Modell aufzuzwingen: "Das ist nicht unser Modell." Stattdessen regte er eine Zusammenarbeit von Banken, Erdölfirmen und Fernsehsendern an. Als Chávez die Besatzung des Irak durch die USA geiselte, sah sich der irakische Präsident Jalal Talabani fast zu einer Entschuldigung genötigt: "Wir wollen diese Truppen nicht auf unserem Territorium, aber wir respektieren die Resolution des UN-Sicherheitsrates", so Talabani.

Mehr Außenhandel

Ein neues Rahmenabkommen zwischen dem Mercosur (Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay) und dem Golf-Kooperationsrat (Saudi-Arabien, Katar, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait, Oman, Bahrein) ging dabei fast unter.

Innerhalb von drei Jahren erhoffen sich Brasiliens Unternehmer eine Verdoppelung des Außenhandels mit der arabischen Welt. Die Abschlusserklärung wertete die Tageszeitung Folha de São Paulo als "Manifest gegen den nordamerikanischen Unilateralismus, die Besatzung palästinensischer Territorien durch Israel und die Wirtschaftspolitik der reichen Länder".

Der Antiterrorkampf wurde "in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht" unterstützt und eine UN-Konferenz angeregt, um den Terrorismus zu definieren. Außenminister Amorim beschwichtigte: "Die USA wissen, wie die diplomatischen Beziehungen funktionieren: Jedes Land betont das, was es interessiert."

Abraham Cooper, Vizechef des Simon-Wiesenthal-Zentrums kritisierte, die Führer der südamerikanischen Demokratien hätten eine historische Chance verpasst. "Wir sind darüber bestürzt, dass der Gipfel in der Schlusserklärung eine ausdrückliche Verurteilung des Selbstmord-Terrorismus unterlassen hat."

Außenminister Amorim beschwichtigte: "Die USA wissen, wie die diplomatischen Beziehungen funktionieren: Jedes Land betont das, was es interessiert." Für Argentinien ist dies derzeit das Unbehagen am Führungsanspruch Brasiliens und lautstark beklagte "Asymmetrien" im Zollbündnis Mercosur.

Zwar bekräftigten Néstor Kirchner, Chávez und Lula bei einem Grillessen ihre Dreierallianz. Doch tags darauf packte der argentinische Staatschef vorzeitig seine Koffer. (DER STANDARD, Print, 12.5.2005)

Aus Brasilia berichtet Gerhard Dilger
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    Das erste südamerikanisch- arabische Gipfeltreffen in Brasilien war von der Befürchtung der USA und Israel begleitet, die Erklärungen in Brasilia könnten als Unterstützung von Terroraktionen ausgelegt werden.
    Im Bild: Scheich Hamad Bin Khalifa Al-Thani (re.) von Katar und der venezuelische Präsident Hugo Chavez (li.)

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