Allianzen für einen lateinamerikanischen Erdölriesen

25. Mai 2005, 10:52
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Venezuela, Brasilien und Argentinien vernetzen ihre Erdölförderung und Raffinerie. Nun wurde Petrosur aus der Taufe gehoben

Als Venezuelas Präsident Hugo Chávez vor drei Jahren die Idee eines lateinamerikanischen Ölkonzerns aufs Tapet brachte, wurde der exzentrische Linkspopulist in Fachkreisen belächelt. In der Nacht zum Dienstag nun wurde "Petrosur" bei einem südamerikanisch-arabischen Gipfeltreffen in Brasília feierlich aus der Taufe gehoben.

Allerdings musste Chávez einige Abstriche von seinem ehrgeizigen Projekt machen. Von Petroamérica beispielsweise ist nun nicht mehr die Rede - mit dabei sind zunächst nur Brasilien und Argentinien. Erste Projekte von Petrosur sollen eine gemeinsame Gas- und Erdölexploration in Argentinien und der Bau einer gemeinsamen Raffinerie im Norden Brasiliens sein.

Weil die USA Chávez' Petrodiplomatie mit Argusaugen verfolgen, spielten Brasilien und Argentinien das Projekt herunter. Für Buenos Aires handle es sich um eine Koordinationsinstanz in der Energiepolitik, sagte ein argentinischer Diplomat. Der brasilianische Präsidentenberater Marco Aurélio Garcia nannte Petrosur "gemeinsame Investitionen im Energiebereich".

Doch es ist klar, worum es eigentlich geht: um die energiepolitische Emanzipation Südamerikas. Das hat mehrere Gründe: die hohen Erdölpreise, die Energiekrise, die zahlreiche Länder Lateinamerikas aufgerüttelt hat, und die linksnationalistischen Regierungen, die zurzeit in Südamerika an der Macht sind.

Rolle des Staats stärken

Gut zehn Prozent der weltweiten Erdöl -und sechs Prozent der Gasreserven befinden sich in Lateinamerika. Die staatlichen Energiekonzerne wie die venezolanische PDVSA, die mexikanische Pemex und die brasilianische Petrobras sind einzeln genommen nur Mittelklasse. Alle zusammen aber fördern täglich 8,5 Millionen Fass Öl und könnten als größter Ölkonzern der Welt gemeinsam ganz anders auf dem Markt auftreten.

Die strategische Allianz bringe viele Vorteile, wirbt Chávez. Man könne Technologie teilen und Kosten senken, die Integration Lateinamerikas vorantreiben, den armen Nachbarn helfen, die kein Erdöl haben. Und nebenbei könne man die Rolle des Staates in der Wirtschaft stärken.

Chávez nutzte den Vorteil, den Venezuela als weltweit viertgrößter Ölexporteur hat, um Lateinamerika energiepolitisch zu "vernetzen". So beliefern Venezuela und Mexiko zu Vorzugskonditionen die verarmten Staaten Mittelamerikas und der Karibik mit Öl.

Caracas schickte Argentinien während seiner Energiekrise ein paar Tanker im Tausch für Lebensmittel und machte Paraguay und Uruguay günstige Finanzierungsangebote für den Kauf von venezolanischem Erdöl. Die mexikanische Pemex ist interessiert an der Tiefsee-Bohrtechnologie von Petrobras, und Argentiniens Präsident Nestor Kirchner hat auf Chávez' Drängen extra ein neues, staatliches Energieunternehmen gegründet, um bei Petrosur mitmachen zu können.

Freilich existiert "Enarsa" bisher nur auf dem Papier, und Experten halten es für ein viel zu teures Projekt. Hauptinteressent an einer Energieintegration ist Brasilien. "Die Europäische Union hat damit angefangen, strategische Industrien wie Kohle und Stahl zusammenzulegen, das haben wir bisher versäumt", argumentiert Amadeo Cervo vom Brasilianischen Institut für Internationale Beziehungen.

Ähnlich sehen es einflussreiche Regionalorganisationen wie Aladi und Cepal. "Die Integration kann sich nicht nur alleine auf Freihandel beschränken, sondern muss auch Technologie, Energie, Infrastruktur und regionale Finanzierungsinstrumente umfassen", sagt Ex-Cepal-Direktor José-Antonio Ocampo.

Auch Bolivien will seine Gasreserven in das Projekt einbringen. Misstrauisch zeigen sich hingegen Mexiko und Chile, was weniger an der Integration selbst liegt, sondern an der politischen Färbung, die die Venezolaner dem Projekt geben, und den Vorbehalten Washingtons. "Petrosur ist ein Gegenprojekt zum Neoliberalismus und hat den Zweck, die Armut und Ungleichheit zu bekämpfen", tönt Venezuelas Vizepräsident José-Vicente Rangel.

"Das klingt nach bürokratischem Sumpf und nicht nach Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit", meint Jan Stuart, Erdölspezialist der New Yorker Beratungsfirma Fimat. Petrosur wird zudem ein grundlegendes Problem der meisten staatlichen Erdölkonzerne nicht lösen können: Sie haben schlicht kein Geld, um viele ihrer Erdölreserven überhaupt erschließen zu können.

Keine Privatinvestoren

Doch die Öffnung für private Investoren ist ein Reizthema, das in Bolivien im Vorjahr zum Sturz eines Präsidenten geführt hat. Die mexikanische Regierung hat es trotz dringenden Bedarfs an Frischkapital längst zu den Akten gelegt. (Sandra Weiss, DER STANDARD, Print, 12.5.2005)

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