"... dass wir nichts sind als Österreicher"

11. Mai 2005, 18:42
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Nach 1945 bis heute entwickelte sich ein stabiles Österreichbewusstsein, das sich erst in wütenden Auseinandersetzungen – Stichwort Waldheim – herauskristallisierte

Es gibt kein geschichtliches Gebilde in Europa, dessen Existenz so sehr mit den Identitätsproblemen seiner Mitglieder verbunden ist wie Österreich", schreibt der große Historiker und Publizist Friedrich Heer in seinem 1981 erschienenen Werk "Der Kampf um die österreichische Identität". Die "Deutsch-Österreicher" der Monarchie, die sich als staatstragende Führungsschicht verstanden, sahen 1918 überwiegend keine andere Möglichkeit, als in den Anschlussgedanken zu flüchten. Der sozialdemokratische Parteiführer und Theoretiker Otto Bauer sprach vom "verhassten Namen" Österreich. Vorschläge, wie denn der neue Staat heißen sollte (nachdem er nicht, wie von allen Parteien gewollt, "Deutsch-Österreich" heißen durfte) lauteten auf: Hochdeutschland, Deutsches Bergreich, Donau-Germanien, Ostsass, Deutschmark, Teutheim, Deutsches Friedland usw. Die Geschichte der Ersten Republik ist großteils die Geschichte einer "radikalen Entösterreicherung" (Ernst Bruckmüller). Die 1918 gegründete Republik war "ein Provisorium, Zwischenstation auf dem Weg in ein demokratisches und sozialistisches Deutschland oder aber in ein von Mythen durchwehtes Deutsches Reich, in dem entweder die 'Rasse' oder das Gottesgnadentum die bestimmenden Kategorien der Legitimation von Herrschaft sein sollten" (Politologe Anton Pelinka).

Erst nach Hitlers Machtergreifung 1933 in Deutschland strich die SPÖ den Anschlussparagrafen aus dem Parteiprogramm und der christlich-soziale autoritäre Staat unter Dollfuß und Schuschnigg unternahm den tragikomischen und zum Scheitern verurteilten Versuch, Österreich als den eigentlichen, besseren deutschen Staat darzustellen. Die Begeisterung so vieler Österreicher für den Anschluss und für das Hitler-Regime ist eine Tatsache, die man mit guten Gründen relativieren kann, aber ein mächtiger Grundstock an Zustimmung blieb – auch über die fürchterliche Niederlage hinaus. Bruckmüller weist darauf hin, dass sich noch lange, lange nach 1945 der Nazi-Jargon und entsprechend autoritäres Denken hielten.

Die Politiker der unmittelbaren Nachkriegszeit allerdings kehrten sofort zu dem Namen und der Begrifflichkeit Österreich zurück, die 1918 noch so vehement abgelehnt worden waren (z. T. von denselben Leuten, etwa Karl Renner). Leopold Figl, nach den Wahlen vom November 1945 Bundeskanzler, in seiner Regierungserklärung: "Wenn wir immer wieder mit allem Fanatismus heimatverwurzelter Treue betonen, dass wir kein zweiter deutscher Staat sind, dass wir kein Ableger einer anderen Nationalität jemals waren, noch werden wollen, sondern dass wir nichts sind als Österreicher ..., dann ist dies ... die tiefste Erkenntnis aller Menschen, wo immer sie stehen mögen in diesem Österreich."

Das war damals noch nicht Allgemeingut. Erst mit der Überwindung der Hungerwinter und der materiellen Krisen (durch massive amerikanische Hilfe) und letztlich mit dem Ende der Besatzung 1955 und der Neutralität kam der Glaube an die österreichische Eigenständigkeit knapp an die Mehrheitsmeinung heran, um dann ab den Sechzigerjahren dominant zu werden (siehe Grafik). Der Staatsvertrag und die daran geknüpfte Neutralität bedeuteten übrigens eine klare Abkoppelung von der "deutschen Schicksalsgemeinschaft", was in den Jahren danach zu einer deutschnationalen Aufwallung in der akademischen Intelligenz führte. Die Erklärung des "Tages der Fahne" vom 26. Oktober zum Nationalfeiertag im Jahre 1965 hängt ursächlich mit dem Fall des antisemitischen und NS-affinen Hochschulprofessors Borodajkewitsch zusammen, gegen den zwar demonstriert wurde, der aber Scharen von deutschnationalen Gegendemonstranten auf die Beine brachte. Noch einmal brach die Thematik eruptiv auf: 1985 und folgende mit der erfolgreichen Kandidatur Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten. Waldheim war sicher kein Nazi, sicher ein Patriot, aber er warb im Wahlkampf mit einem für einen österreichischen Bundespräsidenten katastrophalen Ausspruch: "Ich habe im Krieg nichts anderes getan als hunderttausende andere Österreicher, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt." Damit legitimierte er – sicher nur unbewusst – den Dienst in der Deutschen Wehrmacht und einen verbrecherischen Krieg. Mit Staatsvertrag und Neutralität wurde Österreich souverän und erhielt außenpolitischen Spielraum. Mit dem EU- Beitritt 1995 lösten sich die letzten Hoffnungen oder Ängste bezüglich einer Sonderbeziehung zu Deutschland auf. Wir sind Teil eines großen Klubs, nicht mehr der kleine Bruder in einer Kleinfamilie. Aber es gibt noch – und schon wieder – offene Positionen: Österreich ist zu seinem Schaden sehr schäbig mit seiner vertriebenen Intelligenz umgegangen; und es hat, wohl wieder zu seinem Schaden, kein wirkliches Konzept mit seinen Immigranten. (DER STANDARD, Print, 12.5.2005)

Von Hans Rauscher.
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