Ungeteilte Freiheit

23. Mai 2005, 18:42
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Auch die blutige Diktatur Stalins darf nicht vergessen und verdrängt werden - Kolumne von Paul Lendvai

Die Erinnerung an das Kriegsende vor 60 Jahren ist im Westen wie im Osten, von Wien bis Moskau, von historischer Rückschau geprägt. Das neue Europa bedeutet vor allem auch eine "Versöhnung über Gräbern" nun auch zwischen Deutschland und Russland, wie es von Präsident Putin bei den in demonstrativer Harmonie abgelaufenen Siegesfeiern in Moskau ausdrücklich verkündet wurde. Es stimmt schon, dass über 20 Millionen Russen und andere Sowjetbürger dem von Hitler-Deutschland entfesselten Krieg zum Opfer gefallen sind. Putin sprach von einem "Sieg des Guten über das Böse, der Freiheit über die Tyrannei". Doch war das leider freilich nicht die ganze geschichtliche Wahrheit. Der Verfasser dieser Zeilen verdankt selbst sein Überleben, wie so viele andere Menschen, der Roten Armee. Gerade deshalb muss er betonen, dass weder der zu Recht gefeierte Sieg der Alliierten über Hitler, noch die Versöhnung zwischen Siegern und Besiegten mit einem Freibrief für das Vergessen und Verdrängen, für das Verschweigen von schmerzhaften und gefährlichen Wahrheiten gleichgesetzt werden darf. Das gilt nicht nur für das NS-Verbrechen, sondern auch für die blutige Diktatur Stalins.

Ein wesentlicher Teil des russischen Blutzolls wurde durch Stalin selbst verschuldet. Der Despot im Kreml war zwei Jahre lang Verbündeter Hitlers. Die neuerliche Teilung Polens, dieser "Missgeburt" des Versailler Vertrags, so seinerzeit Außenminister Molotow, der Mord an zehntausenden polnischen Offizieren und Zivilisten, der Angriff gegen Finnland, die Besetzung der baltischen Staaten Bessarabiens und der Bukowina 1940 waren die Folgen auch der geheimen Protokolle des Hitler- Stalin-Paktes.

Wer kann vergessen, dass Stalins innenpolitischer Terror vor und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Millionen Menschen in der Sowjetunion zum Opfer gefallen sind? Dass heute noch 50 Prozent der Russen Stalin als historische Größe feiern, ist wohl zum Teil der nicht nur von Putin selbst, sondern von einem großen Teil der russischen Elite betriebenen Heroisierung und Verklärung zu verdanken. Es bleibt eine historische Tatsache, dass im Gegensatz zum Westen die Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in den Ländern Ostmitteleuropas und des Baltikums nur ein kurzer Übergang zu einer neuerlichen Knechtschaft für mehr als vier Jahrzehnte unter dem Roten Stern war. Es geht hier nicht um die Zulässigkeit eines Vergleichs zwischen den beiden Diktaturen, geschweige denn um eine gegenseitige Aufrechnung, sondern schlicht und einfach darum, dass in den Worten der mutigen Präsidentin Lettlands, die als einzige der drei baltischen Staatschefs nach Moskau gereist war, eine ausländische Okkupation durch eine andere abgelöst worden sei: "Unsere Länder wurden nicht befreit."

Die Gespenster der Vergangenheit bleiben also virulent, auch für die Gegenwart und die Zukunft. Nach einer jüngsten Umfrage hat jeder zweite Pole Angst vor Russland und nur 19 Prozent vor Deutschland. Für die Mittel- und Osteuropäer ist die Tatsache, dass Putin in seiner Rede zur Lage der Nation Ende April das Verschwinden der Sowjetunion als "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnete, ein weithin erkennbares Zeichen, das die Rückkehr zum imperialen Sendungsbewusstsein alten Stils ankündigt.

Die Freiheit ist ungeteilt. Die Aussicht auf lukrative Verträge und Investitionen darf nicht eine offene und ungeschminkte, wenn auch nicht überall willkommene Debatte über die kaum bewältigte stalinistische Vergangenheit verdrängen. Diese Aufklärung liegt im eminenten Interesse der russischen Gesellschaft selbst. (DER STANDARD, Print, 12.5.2005)

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