Frankreich: Kampf um des Präsidenten Bart

15. Mai 2005, 13:47
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Wie sehr sich Frankreichs Linke über die EU-Verfassung entzweit, zeigt sich in der Familie Mitterrand: Die Mutter ist dagegen, der Sohn dafür, und die uneheliche Tochter übt Stimmenthaltung

Ein Graben geht durch Frankreich, durch seine Parteien und durch die besten Familien. Am härtesten getroffen sind die Sozialisten. Deren Chef François Hollande verteidigt die offizielle Ja-Parole bei der Abstimmung zum EU-Verfassungsentwurf am 29. Mai verzweifelt gegen Nein-Dissidenten wie Parteivize Laurent Fabius. Beide berufen sich auf ihren verstorbenen Mentor, François Mitterrand, Staatschef von 1981 bis 1995.

Doch wie hätte er selbst votiert? In Frankreich, wo das Gedenken an die toten Präsidenten so hochgehalten wird wie kaum anderswo, ist diese Frage vorab für die Sozialisten von zentraler Bedeutung. Mitterrands proeuropäische Überzeugung steht nicht infrage. Das heiße aber nicht, dass er für die Verfassung gewesen wäre, meint etwa sein früherer Budgetminister Michel Charasse: "Ich stimme Nein, um François Mitterrand treu zu bleiben. Er hätte diesen Verfassungsvertrag sicher auf ganz andere Weise ausgehandelt", so der Senator, der zum innersten Kreis der Mitterrand-Clans gehört.

Mitterrands Außenminister Roland Dumas meinte dagegen, sein politischer Ziehvater hätte die Verfassung nicht nur gebilligt, sondern auch energisch dafür gekämpft. Andere Exminister wie Elisabeth Guigou, Hubert Védrine oder Jack Lang versammelten sich Dienstag, um sich eine Europa-Rede des verstorbenen Präsidenten aus dem Jahre 1995 anzuhören.

Tags darauf folgte die kalte Dusche für die Gralshüter des Mitterrand'schen (Ge-)Denkens. Seine 80-jährige Witwe Danielle machte nämlich Mittwochabend vor einem Millionenpublikum der Haupttagesschau publik, dass sie das Verfassungsprojekt ablehne. An sich kann diese Haltung nicht erstaunen: Danielle Mitterrand hatte sich mit ihrem Engagement für verfolgte Kurden oder afrikanische Oppositionelle öfters gegen die offiziellen Positionen Frankreichs und ihres Gatten gestellt. Nach ihrem Engagement für sozial Randständige, Immigranten oder Fidel Castro wundern sich die Franzosen kaum mehr, dass sie nun auch gegen die "ultraliberale" EU auf die Barrikaden geht.

Die öffentliche Stellungnahme der nach wie vor geachteten Passionaria wirkt trotzdem wie ein Paukenschlag: Sie offenbart die Spaltung der Linken stärker als jede Politdebatte unter Sozialisten, Kommunisten, Grünen oder Globalisierungsgegnern. Mitterrands Sohn Gilbert, heute sozialistischer Bürgermeister des Provinzortes Libourne, plädiert demgegenüber für die EU-Verfassung. Luzide meinte er: "Ich bin eben im System und versuche es von innen zu verändern, meine Mutter will es von außerhalb ersetzen."

Um den Graben nicht noch zu vertiefen, weigert sich Mitterrands uneheliche Tochter Mazarine am Mittwoch, öffentlich zur Abstimmung Stellung zu beziehen. Die junge Fernsehjournalistin und Schriftstellerin ließ nur verlauten, dass sie kein Öl ins Feuer gießen wolle, denn ihr gehe es ihr in erster Linie um den Zusammenhalt der "famille de gauche".

In den jüngsten Umfragen führen die Befürworter der Verfassung mit hauchdünnem Vorsprung (51 zu 49 Prozent). (DER STANDARD, Print, 12.5.2005)

Stefan Brändle aus Paris
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    Staatschef-Witwe Danielle Mitterrand hat sich gegen die EU-Verfassung ausgesprochen.

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