Gassenhauer - H. müsste alles tun, das Lied los zu werden...

12. Mai 2005, 19:58
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Es war heute morgen. Da hat sich H. beim Betreten der Redaktion entschuldigt. Präventiv ...

Es war heute morgen. Da hat sich H. beim Betreten der Redaktion entschuldigt. Präventiv. Er fürchte, hatte H. gesagt, dass er heute irgendwann irgendwas an den Kopf geworfen bekommen würde. Im Wortsinn. Dafür, sagte H., habe er Verständnis. Er entschuldige sich schon im Vorhinein dafür, einen Anlass geboten zu haben. Außerdem, sagte H., bitte er darum, nach Möglichkeit mit weichen und nicht zu schweren Gegenständen getroffen zu werden.

Normalerweise ist H. kein Kopfhörer-Arbeitstyp. Aber heute stülpte er sich – gleich nach der Entschuldigung – welche über. Er müsse, erklärte er mit leidende Miene, alles tun, das Lied los zu werden. Nicht nur, weil er es uns nicht zumuten wolle, mit unbewusst über seine Lippen kommenden Refrain-Bruch- oder gepfiffenen Melodie-Versatzstücken behelligt zu werden. Die Kopfhörer-am-Schreibtisch-Session diene, sagte H., vor allem einem durch und durch egoistischen Zweck: Er müsse Emanuela aus dem Kopf bekommen.

Deutschtümelei

H. hasst dieses Lied. So wie fast alle hier (das festzustellen war leicht: als H. dann doch „lass die Finger von...“ auskam, stöhnte das ganze Zimmer auf). Aber weil irgendjemand den alternden Berufsjugendlichen von FM4 erfolgreich einredet, dass das Volk nicht nur diverse Christl Stürmers auf sämtlichen Ö3-Derivaten unbedingt auf deutsch sülzen hören will, sondern auch das sich selbst für intelligent und vorneweg haltende FM4-Volk in der Landessprache bedient werden muss, nimmt der deutsche Sprechgesang dort langsam überhand.

Mit eine der schlimmsten Nebenerscheinungen dieses Missverständnisses, meint H., sei dass beim „intelligenten“ Sender mittlerweile meist pseudointellektueller Schrott liefe. Songs, die ihn in ihrer selbstgerechten Ernsthaftigkeit an die Agit-Prop-Texte der Liedermacher auf den Platten seiner Eltern erinnere: „Das ist ein beinhartes Protestlied...“ Derlei Geseiere, sagt H., habe ihn schon als Kind nicht betroffen, sondern fassungslos-wütend gemacht. Und wo der Unterschied zwischen den Volksschullehrerinnenhymne „Sind so kleine Hände“ und dem unsäglichen „Ein bisschen Friede“ liege, habe er ohnehin nie verstanden. Aber das, meint H., erzähle er nur nebenbei. Denn mit Emanuela habe das eigentlich nichts zu tun.

Bandwaggon-Rap

Emanuela, referiert H., profitiere vom Trittbrettfahrereffekt des Wir-brauchen-deutsche-Texte-Radioirrtums: Emanuela sei einfach ein doofes Lied. Leider auch eines, das man nicht mehr los werde. Schon gar nicht, wenn es das erste Musikstück sei, das einem in der Früh um die Ohren fahre: Die Finger von Emanuela zu lassen, erklärte H., würde ihm ja ohnehin nicht schwer fallen – aber damit aus dem Bett geworfen zu werden und es später noch aus irgendwelchen Brüll-Kopfhörern des Nachbarn in der U-Bahn herausfiltern zu müssen, könne einem schon den Tagesanfang verderben. Und wenn er den Song jetzt nicht bald aus dem Kopf bekäme, sagte H., könne es wirklich passieren, dass er begänne, das Lied vor sich hin zu pfeifen.

Wir sahen das ein. Und während H. seinen Rechner hochfuhr, begannen wir in unseren Archiven für zu suchen. Für H. Nach Ersatz- oder Entsatz-Songs. Die mailten wir ihm. Aus kollegialer Verpflichtung heraus. Ich dürfte das Rennen gewonnen haben. Denn seit Stunden summt H. immer wieder „du entschuidige i kenn di“. Seine Miene dabei ist die eines verzweifelten Mannes. Und als ich ihn gerade fragte, ob er mir zu Mittag etwas vom Billa mitbringen könne, ignorierte er meine Bestellung – und kündigte an, dass ich mich noch wundern werde. Spätestens morgen in der Früh.

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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