Kommentar der anderen: Eckpunkte einer viereinhalbminütigen Gedenkrede

11. Mai 2005, 18:02
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Sprachwissenschaftler Alexander Pollak versucht in seiner Replik, was Fischer-Pressesprecher Aigner für unmöglich erklärt

Keine Frage, es ist leichter die Reden anderer zu kritisieren, als selbst eine zu schreiben, die den eigenen Ansprüchen genügt. Bundespräsident Fischer hatte für seine Ansprache aus Anlass des 60. Gründungstags der Zweiten Republik etwas über viereinhalb Minuten Fernsehzeit zur Verfügung. Laut Fischers Pressesprecher Bruno Aigner war das zu wenig Zeit, um in die Tiefe zu gehen und klare Worte zu finden. Doch ist dem wirklich so? Wagen wir einen Versuch. Wie könnte eine viereinhalbminütige Gedenkrede ausschauen, die weder versucht, sich in einer lavierenden Rhetorik zu verlieren, noch die Menschen durch einen anklagenden Ton vor den Kopf stößt?

Gleich vorweg: Es wäre natürlich absurd zu verlangen, eine kurze Rede solle alle Themen und Fragen in bezug auf die NS-Zeit und das gesellschaftliche Danach beantworten oder auch nur ansprechen. Doch darum geht es auch gar nicht. Der entscheidende Punkt ist, dass man alles daran setzt, durch das Aufzeigen von Zusammenhängen und das Fokussieren auf einige wesentliche vergangenheitspolitische Themenstellungen, ein klares Bild zu vermitteln und Fragen hinsichtlich des Zustandekommens und der Folgewirkungen der NS-Diktatur gerecht zu werden.

Hier zehn Eckpunkte einer Gedenkrede, die so von österreichischer Politprominenz noch nie gehalten wurde:

1. An erster Stelle wollen wir den Alliierten danken, die dem nationalsozialistischen Unrechtsregime, dem rassistischen und antisemitischen Morden und dem verbrecherischen Expansionskrieg ein Ende gesetzt haben. Dem Einsatz der Alliierten Mächte und dem millionenfachen Tod ihrer Soldaten haben wir es zu verdanken, dass Österreich eine demokratische Zukunft ermöglicht wurde.

2. Unser Dank soll auch all jenen gelten, die das NS-Regime und seine Ideologie - sei es durch organisierte Widerstandshandlungen, durch Verstecken von Verfolgten oder durch Desertieren - sabotiert und damit menschliche Werte bewahrt haben.

3. Entschuldigen sollten wir uns bei den überlebenden NS-Opfern dafür, dass sie auch nach 1945 in Österreich vielfach auf Ablehnung gestoßen sind und an den Rand gedrängt wurden. In diesem Zusammenhang sollten wir drei Dinge sehr deutlich aussprechen:

4. Wir haben uns viel zu lange hinter dem Ausspruch der Moskauer Deklaration, Österreich sei das erste Opfer der Hitler-Aggression gewesen, versteckt. Die rechtliche Auslöschung Österreichs ist nicht gleichzusetzen mit einer Löschung der Verantwortung von Menschen und Institutionen.

5. Wir haben viel zu lange gewartet, bis wir eine Lösung der Rückstellungs- und Entschädigungsfragen ins Auge gefasst haben. Diese Fragen gilt es, spät aber doch, zu einem Ende zu bringen.

6. Und wir haben viel zu lange gebraucht, um eine Diskussionskultur in bezug auf die NS-Zeit und die Rolle, die Österreicherinnen und Österreicher darin gespielt haben, zu entwickeln. Diese Diskussions- und Denkkultur gilt es weiter zu fördern.

7. Wenn wir einer demokratischen, gleichberechtigten, menschenrechtlich fundierten Gegenwart und Zukunft gerecht werden wollen, sollten wir niemals vergessen, was die Grundlage des nationalsozialistischen Systems waren: übersteigerter Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus, Höherwertigkeitsdenken, Autoritätsgläubigkeit und ein Mangel an kritischem politischen Denken.

8. Eine Herausforderung, der wir uns auch heute noch stellen müssen, ist die Tatsache, dass, es viele Menschen nach Kriegsende nicht geschafft haben, kritisch über ihre Rolle im NS-System nachzudenken und eigene Fehlhaltungen, Fehleinschätzungen sowie eigenes Fehlverhalten zu ergründen.

9. 60 Jahre nach Kriegsende ist es nicht an der Zeit, sich von der Geschichte zu befreien, sondern es ist Zeit, endgültig die Last des Verschweigens und Verleugnens abzuwerfen. Das lange gepflegte Leitbild, in bezug auf die Vergangenheit habe positive Selbstdarstellung an erster Stelle zu stehen, wollen wir endgültig verabschieden.

10. Nehmen wir den 60. Jahrestag der Gründung der Zweiten Republik zum Anlass, uns für eine kritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte zu öffnen und damit an unserer demokratischen Zukunft zu arbeiten.

An dieser Stelle sind noch keine vier Minuten vergangen - alle zehn Eckpunkte zusammen, machen etwas mehr als drei Viertel des Redetextes der Fernseh-Gedenkansprache von Bundespräsident Heinz Fischer aus. Das heißt, es wäre innerhalb der Zeitvorgabe von viereinhalb Minuten sogar noch ausreichend Raum gegeben, eine Rede wie die obige mit dem einen oder anderen inhaltlichen Punkt zu konkretisieren oder durch die eine oder andere staatstragende Floskel auszuschmücken - um schlussendlich eine Ansprache zu erhalten, die versucht eindeutige Positionen zu vertreten, historisches Bewusstsein zu vermitteln und zum kritischen Denken anzuregen.

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