Wifo: Tempo der Konjunkturerholung lässt nach

11. Mai 2005, 18:52
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Flaue Inlandsnachfrage - Trotz positiver Einkommenseffekte der Steuerreform stagnierende Umsätze im Einzelhandel

Wien - Seit einigen Monaten deuten die Unternehmensumfragen im Euro-Raum und in Österreich auf eine Verlangsamung der Konjunkturerholung in der Sachgüterproduktion hin. Auf diesen Aspekt verweist das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) in seinem neuesten Monatsbericht.

Die Belebung der Exporte habe sich nicht oder nur sehr zögernd auf die Inlandsnachfrage übertragen, erläutert das Wifo. In Österreich hätten sich Exporte und Sachgütererzeugung zu Jahresbeginn noch recht günstig entwickelt, die Einzelhandelsumsätze seien jedoch in den ersten beiden Monaten 2005 angesichts der positiven Einkommenseffekte der Steuerreform enttäuschend gewesen. Der starke Preisauftrieb habe die Kaufkraft gedrückt.

Die Konjunkturverflachung, die sich laut Wifo bereits im vierten Quartal abgezeichnet hatte, habe sich zu Jahresbeginn fortgesetzt. Seit einigen Monaten schätzten die Sachgütererzeuger Auslandsaufträge und Geschäftserwartungen tendenziell etwas weniger günstig ein als im jeweiligen Vormonat.

Zögerliche Investitionen

"Trotz steigender Gewinne, die sich in hohen Körperschaftsteuereinnahmen niederschlagen, investieren die Unternehmen relativ wenig", so das Wifo. "Die privaten Haushalte bleiben trotz der Steuerreform in ihren Kaufentscheidungen vorsichtig." Die starke Energieverteuerung, der hohe Euro-Kurs und in den letzten Wochen auch der Rückgang der Aktienkurse hätten zur Verunsicherung der Unternehmen und Konsumenten beigetragen.

Der Wirtschaftspolitik gelinge es im Euro-Raum und in Japan - im Gegensatz zu den USA, Großbritannien und vielen asiatischen Ländern - nicht, einen Konjunkturaufschwung herbei zu führen. "Im Jahr 2005 befindet sich die Wirtschaft des Euro-Raums bereits das fünfte Jahr in einer ausgeprägten Schwächephase", hält das Wifo fest.

Nichts deute derzeit darauf hin, dass diese heuer überwunden werden könnte. Das Aufflackern der Konjunktur im Euro-Raum (und in Japan) im Jahr 2004 sei ausschließlich vom Export getragen gewesen, die Belebung der Ausfuhr habe sich nicht auf die Inlandsnachfrage übertragen.

Im Einklang mit Euro-Raum

Wie das Wirtschaftsforschungsinstitut weiter schreibt, entwickle sich Österreichs Wirtschaft im Einklang mit jener des Euro-Raums und damit günstiger als bei den wichtigsten Handelspartnern Deutschland und Italien.

Die heimischen Exporte lagen in den ersten beiden Monaten 2005 nominell zwar noch um 11,5 Prozent über dem Vorjahresniveau (Februar: plus 8 Prozent), die Zuwachsraten seien jedoch tendenziell geringer geworden. "Hier schlagen sich die Abschwächung des Welthandelswachstums und die Auswirkungen des hohen Euro-Kurses nieder", analysiert das Wifo.

Die Industrie-Entwicklung spiegle die Schwankungen der Exportdynamik wider. Der reale Produktionsindex der Sachgütererzeugung lag im Februar rund 4 Prozent über dem Vorjahr. Auch hier habe die Dynamik nachgelassen, heißt es dazu.

Für die kommenden Monate sei mit einer Verringerung der Vorjahresabstände zu rechnen. Im Wifo-Konjunkturtest vom März und April beurteilten die Sachgüterproduzenten ihre Auftrags- und Geschäftslage wieder etwas ungünstiger als in den Vormonaten.

Verbesserte Auftragslage am Bau

In der Bauwirtschaft habe sich die Auftragslage weiter verbessert, hier sei mit Zuwächsen in der Produktion zu rechnen. Im Handel hingegen sei die Umsatzentwicklung in den ersten zwei Monaten 2005 enttäuschend verlaufen.

Obwohl die Nettoeinkommen durch die Steuerreform stiegen, stagnierten die realen Einzelhandelsumsätze auf dem Vorjahresniveau. Der starke Preisauftrieb habe die Kaufkraft geschmälert und die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt die Kauflust gedrückt, so das Wifo.

Zur Investitionstätigkeit halten die Konjunkturforscher fest, sie sei nach dem Auslaufen der Investitionszuwachsprämie erwartungsgemäß schwach geblieben. Sie könne derzeit nur an Hand der Importe von Maschinen und Fahrzeugen beurteilt werden. Diese stagnierten in den ersten zwei Monaten annähernd auf dem Vorjahresniveau.

Energie- und Wohnungskosten treiben Inflation nach oben

Die Zunahme der Energie- und Wohnungskosten beschleunigt den Preisauftrieb, im März lag die Inflationsrate wie berichtet bei 2,9 Prozent. Die Energiepreise stiegen um 9 Prozent, sie hätten einen halben Prozentpunkt zur Teuerung beigetragen. Auch die Steigerung der Wohnkosten (plus 7 Prozent) habe die Inflationsrate nach oben gedrückt - um einen Prozentpunkt.

"Der deutliche Preisauftrieb schlug sich in einem Rückgang der Bruttorealeinkommen je Arbeitnehmer nieder, die Nettorealeinkommen stiegen jedoch infolge der Steuerreform", wie es im neuesten Wifo-Monatsbericht weiter heißt.

Leicht gestiegen Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit liege wegen der mäßigen Konjunktur und des Anstiegs des Arbeitskräfteangebots weiterhin etwas über dem Vorjahresniveau. Weil die Zahl der Schulungsteilnehmer, Pensionsbewerber und Übergangsgeldbezieher gestiegen sei, habe sich die erfasste Arbeitslosigkeit nur mäßig erhöht. Die Zahl der Arbeitsplätze habe im April mit +30.000 gegenüber dem Vorjahr deutlich zugenommen (überwiegend seien dies Stellen für Frauen im Dienstleistungssektor gewesen).

Indes hat sich in der Sachgüterproduktion die Beschäftigungssituation laut Wifo in den letzten Monaten verschlechtert. Dies bestätige auch - neben den Umfrageergebnissen für den Euro-Raum und Österreich - die Verlangsamung der Konjunkturerholung. (APA)

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