Streik in westdeutscher Stahlindustrie abgewendet

20. Mai 2005, 16:51
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Lohn- und Gehaltserhöhungen von 3,5 Prozent - Gewerkschafter hoch zufrieden - Arbeitgeber zurückhaltender

Dortmund - In der westdeutschen Stahlindustrie ist ein drohender Arbeitskampf am Mittwoch abgewendet worden. Die Arbeitgeber einigten sich in der Nacht auf Mittwoch mit der IG Metall nach rund achtstündigen Verhandlungen in Dortmund auf eine Erhöhung der Löhne und Gehälter für die rund 85.000 Beschäftigten von 3,5 Prozent für eine Laufzeit von zwölf Monaten. Die Erhöhungen würden ab 1. September wirksam.

Zusätzlich sollen die Beschäftigten eine Einmalzahlung in Höhe von jeweils 500 Euro bekommen, teilten die Tarifparteien weiter mit. Auszubildende (Lehrlinge) erhalten demnach eine Einmalzahlung in Höhe von jeweils 100 Euro.

"Wir sind sehr zufrieden mit den 3,5 Prozent, das ist ein fairer Kompromiss", sagte der Verhandlungsführer der IG Metall, Detlef Wetzel. "3,5 Prozent ist eine Rate, die neben dem Inflationsausgleich auch eine Beteiligung an der Steigerung der Produktivitätsrate beinhaltet. 3,5 Prozent, das ist eine tolle Sache." Die Gewerkschaft hatte ursprünglich 6,5 Prozent mehr Geld gefordert und sich dabei auf die derzeit gute Ertragslage der Stahlunternehmen berufen. Die Arbeitgeber hatten aber nur 2,4 Prozent plus einmalig 800 Euro geboten.

"Unter dem Druck eines Arbeitskampfes können und wollen wir mit diesem Abschluss leben", sagte der Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbandes Stahl, Helmut Koch, nach der Einigung. "Wir haben einen Streik mit erheblichen Folgen für uns und die Volkswirtschaft vermeiden können."

Geplante Urabstimmung vermutlich abgewendet

Angesichts der Einigung im Tarifstreit dürfte die Gewerkschaft die angekündigte Urabstimmung der gewerkschaftlich organisierten Stahlwerker absagen. Zuvor muss die Tarifkommission aber entscheiden, ob sie das Verhandlungsergebnis akzeptiert oder nicht. Auch die Arbeitgebergremien müssen noch zustimmen. Allerdings sagte Verhandlungsführer Koch, er könne sich nicht vorstellen, "dass das Ganze noch mal wackeln wird."

Erst am Dienstagmittag hatte der Gewerkschaftsvorstand in Frankfurt die Urabstimmung genehmigt. Sie sollte vom 13. bis 19. Mai stattfinden. Wenn mindestens 75 Prozent der Stimmberechtigten für den Arbeitskampf gewesen wären, hätte der Streik noch in diesem Monat beginnen können. Es wäre der erste seit 1978 gewesen. Damals hatten die Stahlarbeiter für die Einführung der 35-Stunden-Woche gekämpft. Die IG Metall konnte sie aber erst sechs Jahre später durchsetzen.

Die Stahltarifverhandlungen im Osten waren ebenfalls gescheitert. Allerdings hat die Gewerkschaft dort noch keine Urabstimmung beantragt.

Die deutschen Stahlwerke sind angesichts des weltweiten Stahlbooms derzeit noch voll ausgelastet. Durch den zunehmenden Lageraufbau der Kunden und gestiegene Stahlimporte in die EU sind die Preise jüngst aber leicht unter Druck geraten. Führende Stahlhersteller wie ThyssenKrupp oder Salzgitter haben daher mit Produktionskürzungen reagiert. Ein Ende des Stahlbooms ist nach Einschätzung des deutschen Stahlverbands aber nicht in Sicht. Allenfalls wird eine Abschwächung auf hohem Niveau erwartet. (APA/Reuters/AP/dpa)

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