Auch deutsche Kritik an Sellafield

11. Mai 2005, 20:45
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Aufklärung über verzögerte Mitteilung des nuklearen Säureaustritts gefordert

Berlin/London/Oslo – Auch aus Deutschland kommt scharfe Kritik wegen des vorerst verschwiegenen Unfalls in der britischen Atomanlage Sellafield. Wie berichtet, waren dort vor einigen Wochen nach einem Rohrbruch etwa 20 Tonnen eines hochaktiven Uran-Plutonium-Gemischs ausgeflossen. Ein Teil der Wiederaufbereitungsanlage musste deshalb stillgelegt werden. Die Betreibergesellschaft „British Nuclear Group“ hatte den Vorfall erst am Montag gemeldet.

Zweifel

Wie nun bekannt wurde, hat das deutsche Umweltministerium unmittelbar darauf von der britischen Atomaufsichtsbehörde NII Aufklärung darüber verlangt, warum der Vorfall vom 18. April erst am 9. Mai bekannt gegeben wurde. Der Zwischenfall wecke außerdem Zweifel an der sicheren Betriebsführung der gesamten Anlage Sellafield.

Die „British Nuclear Group“ hatte mitgeteilt, für Menschen und Umwelt bestehe keine Gefahr, das Gemisch sei in ein Auffangbecken geflossen. Berichten britischer Medien zufolge beträgt der Plutonium- Anteil der Säure 200 Kilogramm, „was für 20 Atombomben ausreichen würde.“ Der norwegische Umweltweltminister Arild Hareide hat bereits „politische Konsequenzen“ aus dem Unfall gefordert.

Die Regierungen der skandinavischen Länder längs der Nordseeküste haben seit den 80er-Jahren immer wieder vergeblich gegen den Betrieb der Anlage Sellafield protestiert und auch die Stilllegung verlangt. Neue Atomkraftwerke Davon aber ist in Großbritannien keine Rede. Die Regierung von Premier Tony Blair könnte sich demnächst sogar für den Bau neuer Atomkraftwerke entscheiden, im Kabinett herrscht derzeit noch Streit darüber.

Blair selbst hat gesagt, dass er grundsätzlich für Atomkraft sei, aber noch nichts entschieden habe. Das seit Jahrzehnten heftig umstrittene Sellafield (früher Windscale) ist neben dem französischen La Hague die größte Wiederaufarbeitungsanlage für Atombrennstäbe in Europa.

1957 ereignete sich in Windscale einer der größten nuklearen Unfälle vor Tschernobyl: Ein Brand konnte erst nach drei Tagen gelöscht werden – eine atomare Wolke zog über Großbritannien hinweg. (AFP, red, DER STANDARD Printausgabe, 11.05.2005)

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