Frankreich: Regierung organisiert Pfingst-Chaos

12. Mai 2005, 09:33
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Der Pfingstmontag wurde abgeschafft - die Franzosen machen trotzdem blau

Gibt es etwas Nobleres als Solidarität? So fragte Premierminister Jean-Pierre Raffarin mit viel emotionellem Nachdruck, noch eindringlicher verwies er auf jene 15.000 alten Menschen, die vor knapp zwei Jahren an der Hitzewelle in Frankreich starben. Die Ungunst der Stunde ausnützend, dekretierte er sogleich einen „Tag der Solidarität“ – das heißt die Abschaffung eines Feiertags zugunsten der alten Menschen.

Fromme Laizisten

Der französische Regierungschef holt von Gehältern und Kapitalerträgen einen neuen Abzug von 0,3 Prozent ein, der dem Staat zwei Milliarden Euro an Sozialabgaben einbringen soll, wenn die 25 Millionen erwerbstätigen Französinnen und Franzosen einen Tag länger arbeiten. Gegen einen so guten Zweck war nicht viel einwenden. Doch je näher der erste nicht mehr freie Pfingstmontag rückt, desto mehr erinnern sich sogar überzeugte Laizisten an die Vorzüge dieses christlichen Feiertages.

Die Eisenbahner murrten wie üblich als erste, und wie üblich fand sich für sie eine elegante Lösung: Sie brauchen am kommenden Montag nicht zu arbeiten, dafür müssen sie im restlichen Arbeitsjahr pro Tag eine Minute und 52 Sekunden länger Dienst schieben – eine pure Farce. Dies brachte den dünnen Damm der nationalen Solidarität bereits zum Einbrechen.

Im ganzen Service Public (öffentlichen Dienst) mehren sich auf den Pfingstmontag hin die Abwesenheitsnotizen wegen „Fortbildungskurs“. Einzelne Gewerkschaften rufen für Montag zu Streiks auf. Aus Furcht vor Krankmeldungen lassen viele Kleinbetriebe ihre Rollläden gleich unten. Großunternehmen wiederum „schenken“ ihren Mitarbeitern einfach häufig einen Freitag, um wenigstens die Übersicht zu bewahren.

Dienstzeiten unklar

Auch sonst ist das Chaos programmiert. Die Regierung trug selbst dazu bei, indem sie es Privatunternehmen freistellt, ob sie einen anderen Feiertag als Pfingsten zum Arbeitstag bestimmen wollen. Auch lokale und regionale Verwaltungsebenen können frei wählen. Damit weiß niemand mehr, welches Amt, welche Schule oder welches Unternehmen am nächsten Montag nun geöffnet hat.

Übliche Buchungslage

Die Hotels im Land sind so stark ausgebucht wie an jedem Pfingstwochenende. Einzelne Kategorien der Ärzteschaft haben sich zwar feierlich zum Arbeiten verpflichtet – allerdings zum fast doppelt so hohen Feiertagstarif. Auch die französischen Taxichauffeure schlagen, wenn sie schon arbeiten müssen, am Pfingstmontag wie bei jedem Feiertag die Hälfte auf den Fahrtpreis drauf. Selbstverständlich aus nationaler Solidarität. (DER STANDARD Printausgabe, 11.05.2005)

Stefan Brändle aus Paris
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    foto: photodisc
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