Analyse: Theaterbedenkenträger in neoliberaler Zeit

11. Mai 2005, 10:25
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Als ehemals blässlich eingestufter Nachfolger von Peymann hat Bachler ein Profil als nachdenklicher Kulturmanager entwickelt - Mögliche Nachfolger für 2008 gäbe es im Haus am Ring zuhauf

Zu Wien und dem politischen Umraum hielt (und hält) er eine Distanz, die von Zweifeln geprägt, von Misstrauen erfüllt, von einer leicht mandelbitteren Resignation beherrscht war und ist. Burgtheaterdirektor Klaus Bachler (54), den seine beispiellos erfolgreiche Karriere als Theatermanager 2008 nach München führen wird, beklagte bereits vor rund eineinhalb Jahren im STANDARD-Interview, dass Kulturpolitik hier zu Lande nicht mehr stattfinde.

"Man weiß nicht mehr", äußerte der gebürtige Fohnsdorfer, "wofür Politiker eigentlich stehen, weil sie von Tag zu Tag nur noch moderieren." Und auch in den letzten Wochen ließ er jedermann, der ihn danach fragte, ungerührt wissen: Die Politiker als Sachwalter einer neoliberalen Revolution "von oben" seien in der allergrößten Gelassenheit dabei, das Erbe der Kulturstadt Wien zu verwahrlosen.

Bachler sah - und sieht sich wohl auf absehbare Zeit - im sanften, manierlichen Clinch mit einem Kulturstaatssekretär, der die Subventionsfestschreibung als Agent seines Kanzlers wie ein unabwendbares Geschick über die Burg verhängt hat. Bachler konstatiert die schleichende Aufweichung einer kulturellen Formation, in der die Burg als "Nationaltheater" zwangsläufig zentral verankert ist. Und er weiß sich, sein unendlich kostbares Großinstitut im Rücken, erstaunlich allein gelassen: "Mit wem soll man denn in Wien einen Diskurs führen, der diesen Namen verdient?"

"Unsere demokratischen Systeme sind dabei, sich gefährlich aufzulösen": Mit solchen, niemals auftrumpfend vorgetragenen Einsichten hat Bachler das Wiener Burgtheater aus der Sphäre der Marktschreierei hinausbefördert - seinem Image als kühler, verbindlicher Macher zum Trotz, dem er mit der Durchmischung seiner theateranhängigen Produktpalette gleichwohl Rechnung getragen hat.

Heute versammelt das Wiener Burgtheater wie ein Koloss die gängigsten Theatersprachkünstler. Bildet eine mit einem Gesamtvolumen von rund 50 Millionen Euro tatsächlich unsinkbare Arche, die sich laufend vollstopft mit den neuesten Arterhaltungsspezialisten auf dem Gebiet der szenischen Künste. Stellt einen gigantischen Großbetrieb vor, der sämtliche Produktnischen mit Eigenbeiträgen besetzt, im Zweifelsfall auch die "Autonomie" eines Christoph Schlingensief kapert - und dennoch die Deutungshoheit behauptet. Man wird Bachler nicht nachsagen können, keine Schwerpunkte gesetzt zu haben. Als das Auslaufen von Andrea Breths Berliner Schaubühnen-Mandat zeitlich mit seinem Burgtheaterstart zusammenfiel, bemächtigte er sich als lockender Herbergsvater solcher Schauspielkaliber wie Libgart Schwarz, Jutta Lampe oder Peter Simonischek.

Er hat im Zusammenwirken mit Chefdramaturg Wolfgang Wiens dem Haus tatsächlich ein Rückgrat eingezogen. Es ist daher kein Wunder, dass Klaus Bachlers ausgleichendes, niemals bilderstürmendes Temperament eine Fülle von Nachfolgevarianten möglich erscheinen lässt.

Obenan wird man an Andrea Breth denken müssen, die bereits heute im Haus am Ring als eine Art Oberspielleiterin fungiert. Eine stilbildende Regisseurin von sepiaschwarzem Naturell, die sich in schwer verdauliche Klöße des Dramenkanons wie in lohnende, lockende Denksportaufgaben verbeißt.

Derselben Traditionslinie zugehörig wird man den Jürgen-Flimm-Schüler Sven-Eric Bechtolf empfinden dürfen. Ein charismatischer Kraftschauspieler, dem als ausgepichten Opernregisseur mittlerweile auch die Förderung durch Staatsoperndirektor Ioan Holender zuteil wird. Bechtolf inszeniert ab 2007 übrigens den Ring des Nibelungen. Und steht, was in der Stadt der sich bedeckt haltenden Weltstars keine geringe Rolle spielt, mit Klaus Maria Brandauer auf tadellos pedikürtem Freundschaftsfuß.

Brandauer selbst ist der sentimentale Favorit aller derjenigen, die auf Mephisto verweisen, wenn sie das gegenwärtige Stagnieren einer für Österreich viel zu großen "Karriere" meinen. Brandauer bekam als Burg-Cyrano eine schmückende Gumminase aufgesetzt. Als Nathan lieferte er jüngst eine erschütternde Studie über Resignation und Verzeihung ab, die selbst von früheren Adoranten gnadenlos in den Boden gestampft wurde.

Drei Jahre stellen im Theaterbetrieb eine unendlich lange Inkubationszeit vor. Theaterbetriebe und deren symbolische Wegbegleiter haben daher ausreichend Muße, sich von der Intendanzfähigkeit noch junger Regisseure infizieren zu lassen. Die, wie der eigensinnige Kärntner Regisseur Martin Kusej, schon jetzt das Gewicht gedankenvoller, skrupulöser Leitungsarbeit auf die Waagschale bringen, um sich im Fall des Falles einmal küren lassen zu können.

"Wir bewegen uns rasant", so Klaus Bachler vor einiger Zeit, "auf einen neuen Absolutismus zu: den Absolutismus der globalisierten Wirtschaft". Ein solcher Wirtschaftsfaktor kann die Burg gar nie werden, als dass an sie nicht doch die sentimentalen Allmachtträume einer überregional sichtbaren Theaterproduktionsbörse geknüpft würden.

Klaus Bachler, der ehemalige Festwochen-Intendant und Volksopernleiter, liest mehr als nur die aktuellen Notierungen. Er kann bereits in die Münchner Zukunft sehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.05.2005)

Von Ronald Pohl
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    Besitzen Burg-Leitungsfähigkeiten: Andrea Breth, Martin Kusej, Sven-Eric Bechtolf, Klaus Maria Brandauer (v. li. oben nach re. unten).

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