Eine Reise zum Palast der Stimmen

10. Mai 2005, 18:46
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Burgchef Klaus Bachler kehrt an die Oper zurück und freut sich: Es gebe für ihn "derzeit kein schöneres Haus zu übernehmen als die Bayerische Staatsoper"

Mit fragwürdigem Latein und glücklicher Miene ruft Bayerns Kunstminister Thomas Goppel "Habemus Intendantem" und präsentiert Wiens Burgtheaterchef Klaus Bachler als künftigen Chef der Bayerischen Staatsoper. Vorausgegangen war ein nicht ganz durchschaubares Gezerre um Christoph Albrecht, der ursprünglich als Nachfolger von Peter Jonas berufen war und einen unterschriebenen Vertrag in der Tasche hat.

Doch vor zwei Monaten beschloss man, sich noch vor Amtsantritt von Albrecht zu trennen. Zu den Hintergründen dieses Zerwürfnisses äußert sich niemand, doch kaum wurde Bachlers Berufung verkündet, meldete Albrecht seine Ansprüche auf die Intendanz an - der Ausgang dieses Gerangels ist offen.

Nun also Bachler. Er sei ein Evolutionär, kein Revolutionär - so charakterisiert er sich selber. Er ist ein Charmeur, ein Schlitzohr, und von daher tatsächlich ein würdiger Nachfolger von Peter Jonas. Also singt Bachler das Hohelied der Kunstmetropole München, lobt Musik- und Theaterszene als unvergleichlich, schwärmt auch vom Ausstellungs- und Filmstandort. Der Minister und sein Team hören das gerne, genauso die einheimischen Journalisten. So macht man das, so führt man sich ein. Nicht mit kritischen, aber mit warmen Worten, die keiner auf die Goldwaage legen möchte.

Liest der Minister noch seine Begeisterung aus dem Manuskript vor, so setzt Burgtheater-Chef Klaus Bachler begeistert zum Extempore an, spricht frei, abschweifend, lang. Man hört ihm gern zu. Dem Mann ist zuzutrauen, dass er Mitarbeiter motiviert, dass er das Publikum verführt, Kunstfremde anlockt.

Solch ein Kommunikationstalent braucht dieser Münchner Job dringender als sonst etwas, mehr noch als eine ausgedrechselte dramaturgische Linie. Bachler, das deutet sich an, ist ein Marketing-Mann wie sein Vorgänger Sir Peter Jonas.

Recht so, denn er muss in erster Linie die Auslastungszahlen des Münchner Hauses auch weiterhin konstant bei über 90 Prozent halten, schon allein aus finanziellen Gründen. Das aber schafft man nur bedingt mit einem intelligenten Programm.

Das schafft man in erster Linie durch einen charmanten Intendanten, der ohne Scheu auf die Leute zugeht. Dafür scheint Klau Bachler ideal geeignet. Seine österreichisch-katholische Herkunft und Denkungsart werden ihm in Bayern noch beste Dienste erweisen.

Zu seinen Programmvorstellungen will Klaus Bachler, der wegen seiner Wiener Verpflichtungen am Burgtheater erst 2008 antreten wird, noch nichts sagen. Kernpunkte sind allerdings schon erkennbar, Anderes scheint wünschenswert. Mit Kent Nagano hat er einen Hausdirigenten, der sehr stark ist im französischen Repertoire, in der klassischen Moderne, in einer gemäßigten Avantgarde.

Dirigent Nagano wird sich in München das deutsche klassisch-romantische Repertoire erarbeiten, wird vielleicht auch auf die italiensche Oper zugreifen. Den von Peter Jonas erfolgreich gepflegten Barockopernschwerpunkt aufzugeben, wäre allerdings Wahnsinn. Aber der Schauspielmann Bachler wird mit Sicherheit neue, relevante Regisseure nach München bringen, wird eine Abkehr von den bunten Ausstattungswelten englischer Provenienz einleiten.

Auch eine gewisse Distanz zum Repertoire des 20. Jahrhunderts lässt Klaus Bachler erkennen, aber es wäre dennoch längst an der Zeit, auch in München zumindest einige der großen Opern der letzten 30, 40 Jahre zu spielen, wenn Bernd Alois Zimmermann, Luigi Nono, Olivier Messiaen oder Wolfgang Rihm gerade an diesem Haus mit seinen grandiosen Möglichkeiten zur Diskussion gestellt würden - neben gelegentlichen und unverzichtbaren Uraufführungen.

Auf jeden Fall macht der Münchner Neuling Klaus Bachler den Eindruck lustvoll auf seine neue Aufgabe zuzugehen. Das macht neugierig auf diesen Mann, der einen neuen Blick verspricht, einen Aufbruch - und sich dabei gleichzeitig verbindlich gibt, weil er möglichst viele Menschen auf diesem neuen Kurs mitnehmen möchte: Sieht so zukünftiges Glück aus? (DER STANDARD, Printausgabe, 11.05.2005)

Von Reinhard J. Brembeck
  • Artikelbild
    foto: der standard/christian fischer
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