"Die Geiselnehmer waren keine Irren"

17. Mai 2005, 19:36
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Die französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot waren 126 Tage in Geiselhaft, nun schildern sie das Erlebte in Buchform

In dem Buch namens "Mémoires d'otages" – "Erinnerungen von Geiseln" (auf Französisch bei Calmann-Lévy erschienen) erzählen die Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot, wie sie auf einer Reportagereise südlich von Bagdad in einen Hinterhalt gerieten, in einem Bauernhof und dann in Bagdad oft unter Todesangst 124 Tage gefangen saßen und unter anderem beten lernten.

Die Geiselhaft begann mit einem Verhör. "Dabei wird entschieden, was mit einem geschieht", meinte Malbrunot diese Woche bei der Buchpräsentation in Paris. "Es ist ganz einfach: Entweder fällt man in die gute Kategorie, dann wird man Gegenstand von Verhandlungen. Oder man fällt auf die schlechte Seite, dann wird man umgebracht."

Kein Lösegeld

Der Figaro-Journalist und sein Kollege vom französischen Radio hatten das Glück, dass man mit ihnen etwas erreichen wollte. Aber was? Finanzielle Motive waren es kaum; die beiden haben auf jeden Fall bei der Freilassung "nie Lösegeld gesehen". Die offizielle Forderung der "islamistischen Armee im Irak" – der Rückzug des Anti-Kopftuch-Gesetzes durch die französische Regierung – sei wohl auch nur ein Vorwand gewesen, meint Chesnot.

Die Geiselnehmer seien überhaupt erst nach einer Woche auf die Idee gekommen, den Verzicht auf das umstrittene Gesetz zu verlangen. Geholfen habe ihnen, dass sie beide Arabisch sprächen und deshalb mit den Entführern kommunizieren konnten.

"Wir merkten schnell, dass es sich nicht um Irre handelt, sondern um Leute mit einem strukturierten Denken", erzählt Malbrunot. "Wir erklärten ihnen, dass Frankreich gegen den US-Vorstoß im Irak sei und dass wir im Irak auf keiner Seite stünden, sondern lediglich unsere Journalistenarbeit machten."

Mit der Zeit lernten die beiden einzelne Gesten, Informationen oder Vorkommnisse außerhalb ihrer Zelle zu deuten, wie Malbrunot ausführt: "Einmal sagte uns ein Typ auf Englisch: ‚Stell dir vor, du wirst bald sterben.‘ Das war eher positiv, denn so etwas hätte er kaum gesagt, wenn er uns gleich die Kehle durchgeschnitten hätte."

Dass es schließlich Monate dauerte, bis das im Irak sehr erfahrene Reporter-Duo freikam, hatte viel mit der panischen Angst der Geiselnehmer zu tun, selbst in die Hände der Amerikaner zu fallen: Aus diesem Grund brachen sie auch mehrmals den Kontakt mit Mittelsmännern ab.

Psychische Belastung

Skeptischer sind die beiden Journalisten, was das Los ihrer Kollegin Florence Aubenas betrifft. Die Libération-Journalistin ist vor 126 Tagen zusammen mit ihrem Übersetzer in Bagdad als Geisel genommen worden. "Da sie möglicherweise allein festgehalten wird und nicht Arabisch spricht, muss die psychische Belastung für sie enorm sein", meint Chesnot.

Auffällig sei, dass Aubenas kurz nach der Freilassung der beiden Franzosen verschleppt wurde. So als ob die Entführer im sunnitischen Teil des Irak permanenten Druck auf Frankreich ausüben wollten.

Malbrunot schließt nicht aus, dass einige Anhänger Saddam Husseins mit Paris alte Beziehungen "pflegen" wollen, um die nicht immer sehr konstante "politique arabe" Frankreichs zu beeinflussen. "Vielleicht wollen die Geiselnehmer eine Karte in der Hand haben, damit sich Paris nicht zu stark auf die Politik Washingtons ausrichtet." (DER STANDARD, Printausgabe, 11.5.2005)

Stefan Brändle aus Paris
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