Haltestellen antäuschen

11. Mai 2005, 17:00
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Es war gestern. Und zwar erstens gleich zweimal und zweitens auch in der U-Bahn...

Es war gestern. Und zwar erstens gleich zweimal und zweitens auch in der U-Bahn und drittens geschah es mir selbst. Aber B. behauptet ja schon ewig, dass derlei öfter passiere – nur hätte ich es eben noch nicht erlebt.

B. spricht von angedeuteten Haltestellen. Von zitierten Stops. Und außerdem behauptet B. von einem Freund einer Bekannten des Klassenvorstandes seiner Tochter gehört zu haben, dass es bei den Wiener Linien da einen internen, geheimen und heiß umkämpften Bewerb der Mitarbeiter untereinander gäbe. Jedenfalls, sagt B., habe seinem Informanten das einmal ein Mitarbeiter des Wiener-Linien-Fuhrparkes erzählt. Im Urlaub. Im Vertrauen. Es gehe darum, Stationen anzufahren, aber auszulassen – und damit durch zu kommen.

Kategorien

Für angetäuschte Haltestellen, erklärt B., gäbe es mehrere Kategorien. Da wäre zuerst einmal die Station, an der niemand wartet und für die bis knapp vor der Einfahrt auch kein Haltewunsch angezeigt wurde. Wo es Ermessenssache ist, ob der den Haltewunsch per Knopfdruck äußernde Fahrgast nicht tatsächlich zu spät gebimmelt hat. Aber da Gaspedal und Lenkrad in den Händen des Fahrers lägen, sagt B., zähle halt nur das Fahrer-Ermessen. Weil die Übung aber deshalb sehr einfach sei, gäbe es kaum Punkte.

Danach käme der Nicht-Halt an Stationen mit Fahrgästen. Die Punktezahl richte sich nach Uhrzeit und Anzahl der Wartenden. Je Stoßzeit, desto besser. Je mehr Warter, umso Highscore – und natürlich mache es einen Unterscheid, ob die Gefoppten im Fahrzeug oder in der Station stünden. Erklärt B.

Punktesammeln

Überdies spiele es eine Rolle, ob der Bus – oder die Straßenbahn – tatsächlich halte, oder einfach über die Station hinwegbrettere: Idealerweise ­ im Sinne des Punktesammelns – müsse das Fahrzeug wirklich halten, eine Tür öffnen ­ sie aber knapp bevor der erste Fahrgast ein- oder aussteigen kann, zumachen und losfahren. (Das, erläutert B., gelte natürlich nur für Fahrgäste, die bereits an der Haltestelle warten – für das Vor-der-Nase-Wegfahren bei Heraneilenden gäbe es keine Punkte. Das lerne man ja in der Öffi-Fahrschule.)

Ich hab das immer für Humbug gehalten. Aus Prinzip. Und weil ich das Abwickeln des Wettbewerbes und der Punktevergabe für schlicht undurchführbar halte. Aber wenn ich diesen Vorbehalt vorbrachte, lächelte B. immer nur – und murmelte, dass doch erst die Sichtbarkeit des Vergehens ­ und seine Dokumentation (eventuell sogar via Kundendienstbeschwerde) - den Reiz ausmache. Beweise für diese Wettkampf-These konnte er aber nie vorlegen.

Doppehaltestelle

Gestern sah ich es dann selbst: In einer Doppelhaltestelle kam der – für mich – falsche Bus. Und hielt. Ein junger Mann der neben mir gewartet hatte, hob die Hand zum Türöffner ­ und sah dem davon fahrenen Linienbus verblüfft nach. Er könne sich getäuscht haben, sagte der Unbekannte dann, aber „ich glaube, der Busfahrer hat gelacht“. Dann, in der U-Bahn, hielt der Zug in meiner Station, ­ aber die Türen ließen sich in meinem Waggon, nicht öffnen. Einen Halt später – der Ausstieg lag auf der anderen Seite ­ war wieder alles so, wie es sein soll.

Später traf ich B. Der war begeistert. Vor allem von der U-Bahn-Version. Das, meinte er, sei Kunst. Hohe Kunst. Und dass ich bloß auf einen technischen Defekt tippte, sei typisch: Ich sei einfach zu gutgläubig.

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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