Jetzt ist noch Zeit umzukehren!

17. Mai 2005, 07:00
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Die Biografieforscherin Solveig Haring über Definitionen, Gefahren und Chancen eines "Neuen Feminismus" im Interview

dieStandard.at: Welche Gefahren liegen Ihrer Meinung nach in der Proklamation eines "Neuen Feminismus"?

Solveig Haring: Also ich sehe die Gegenüberstellung, die Konstruktion der Dichotomie "Neuer Feminismus" versus "Alter Feminismus" als schwierig. Dadurch ist der Begriff des Feminismus plötzlich total konträr zur Geschichte und zur theoretischen Geschichte auslegbar. Dadurch entsteht natürlich auch eine Hierarchie, das Neue ist immer besser als das Alte und das "besser" ist dann Auslegungssache. So können neue reaktionäre Feminismen entstehen, die nichts mehr mit den Grundideen des Feminismus zu tun haben und eigentlich entlang von Klischees entstehen.

dieStandard.at: Gibt es da konkrete Beispiele?

Solveig Haring: Katholische Feministinnen zum Beispiel arbeiten oft in diesem Sinne. Sie behaupten, Feministinnen sind Männerhasserinnen und wollen nur mehr Spermaspender haben. Und darauf bauen sie ihren "Neuen Feminismus" auf.

dieStandard.at: Aber offensichtlich besteht dennoch das Bedürfnis, so etwas wie einen "Neuen Feminismus" zu proklamieren, auch von fortschrittlicher Seite. Wie das ja auch im Rahmen von [prologue] formuliert wurde ...

Solveig Haring: Für mich hat die Butler noch immer Geltung. So wie ich ihre Theorie für meine praktische "gendered identity" ausgelegt habe, war es im Grunde eine Befreiung von einer Geschlechterkonstruktion. Das heißt, ich muss nicht Mann oder Frau sein und ich muss die jeweiligen Zuschreibungen nicht annehmen. Das ist nicht nur ein Spiel und eine Parodie, sondern auch das Wahrnehmen von Freiräumen. In diesem Punkt ist mir der "Neue Feminismus" ein Bedürfnis.

dieStandard.at: Und ganz allgemein?

Solveig Haring: Ich glaube, wenn es diese fixen Geschlechterkonstruktionen, ihre Bedeutungszuschreibungen und Hierarchien nicht gäbe, wäre der Feminismus obsolet. Und die Chance, die ich sehe, ist die, dass sich der Feminismus innerhalb der Forschung als Paradigma vollständig verankert. Und dann geschichtlich einmal herauskommt, da hat es irgendwann so etwas gegeben wie eine Mann-Frau-Konstruktion, das ist interessant und daher kommt es, dass es Identitätskonstrukionen gibt. Und dadurch auch andere Konstruktionen sichtbar machen.

dieStandard.at: Was schätzen Sie die Auswirkungen einer solchen Entwicklung ein?

Solveig Haring: Es würden neue Solidaritäten entstehen, nicht nur unter Frauen. Das ist so, wie ich es immer zu den Frauen in der Frauengruppe auf der ÖH gesagt habe: jetzt ist noch Zeit umzukehren. Ihr könnt jetzt gehen und alles wird ok sein. Aber wenn ihr euch jetzt in den Feminismus reinlassts, dann wird sich eure gesamte Weltsicht ändern. Dann wird sich alles umdrehen.

(e_mu)

  • Die Grazer Biografieforscherin Solveig Haring arbeitet derzeit an der University of East London und untersucht widerständige Praktiken in den weiblichen Biografien.
    murlasits
    Die Grazer Biografieforscherin Solveig Haring arbeitet derzeit an der University of East London und untersucht widerständige Praktiken in den weiblichen Biografien.
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