Multikulti-Melange statt Bildungsespresso

8. November 2005, 11:27
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Vielfalt statt Einfalt: Über Religions- und Sprachbarrieren hinweg wird in einer katholischen Wiener Privatschule mit- und voneinander gelernt

"15 Nationalitäten, 20 Religionsbekenntnisse und 40 Sprachen vereint in einer katholischen Privatschule" - ein Wiener Bildungsunikum liegt versteckt in der Friesgasse im 15. Wiener Gemeindebezirk. Wider die plakativen FP-Überfremdungsphobie, welche in dieser multikulturellen Umgebung zu verhindern sucht, dass Wien nicht Istanbul werde, ist hier Miteinander nicht unmöglich, sondern Alltag.

Bunt, familiär und freundlich ist die Stimmung in der Aula. Fünf Tage in der Woche wird vor- und nachmittags gemeinsam gelernt. Das gute Klima wird von den Schülern der 3a Klasse der Handelsschule Friesgasse besonders geschätzt. Klassensprecherin Bojana Bogicevic (17) sieht den Grund dafür im projektbezogenen Unterricht.

Zwei Beispiele dafür sind "Cool" und die "Übungsfirma". Ersteres - "COoperatives Offenes Lernen" - ist individuelles eigenverantwortliches Lernen im Stationenbetrieb. Die Schüler können sich die Zeit selbst einteilen und "Lehrer sind nur da, wenn man sie extra holt", zeigt sich Tanja Jankovic (16) begeistert.

Mit dem Projekt "Übungsfirma" werden die Schüler direkt auf die Berufswelt vorbereitet. Im Schulsekretariat buchen sie Ein- und Verkäufe mit realen Partnerfirmen. Zentral ist der Religionsunterricht. Das Angebot reicht jedoch weit über den römisch-katholischen Bibelunterricht hinaus. Schüler unterschiedlichster Bekenntnisse können ihrem eigenen Glauben nachgehen, ihn vertiefen und hinterfragen. "Klarerweise entstehen Widersprüche und Konflikte, so etwa über die Kopftuchfrage, aber das diskutieren wir aus", meint Tanja. Unproblematisch findet es Ismail Koc (18) als Muslim die katholische Privatschule zu besuchen. Treu seinem Motto: "Den Islam leben und offen für andere Kulturen sein."

Liebesgrüße aus Dubai

Variantenreich sind die Lebenspläne der Schüler: Die 17-jährige Inderin Nysa Thekkerara wird nächstes Jahr einen Mann aus Dubai heiraten - und bricht mit der Tradition der arrangierten Ehe. Dort würde sie gerne am Flughafen arbeiten: "Aufgrund meiner Deutschkenntnisse stehen meine Chancen nicht schlecht", ist sie überzeugt.

Ob Bürokauffrau, Marketingchef oder Theaterwissenschafter - die Jobwünsche ihrer Kollegen sind hochgesteckt. Auf Österreichs Arbeitsmarkt bezogen ist der Grundtenor von Skepsis geprägt: "Es ist schwieriger. Man muss sich durchsetzen", weiß die Polin Isabella Habek (17).

Nebst Kindergarten, Volksschule, Handelsschule und Gymnasium, welche zum Schulzentrum zählen, erwarten sich die Schüler viel vom neuen HAK Aufbaulehrgang, welcher ihnen mit einer Matura die Tore der Universitäten öffnen soll. Dieser wird kommendes Jahr fixer Bestandteil des Schulprogramms.

Mit einem monatlichen Schulgeld von 100 € ist die Friesgasse im Vergleich mit anderen Privatschulen leistbar. Um 57 € gibt es das Mittagessen (gelobt wird das internationale Buffet) dazu.

Auffallend sind Unterschiede zu ihren Herkunftsländern. "Der Leistungsdruck an Österreichs Schulen ist viel geringer als in China", ist Xu Dong (19) aus Schanghai überzeugt. Er lernte in der 3a von Freunden ganz nebenbei Türkisch.

"In Armenien ist die Lebenseinstellung anders, eine Ausbildung hat dort keinen Sinn", sagt Siranusch Nazarian (19) dem SCHÜLERSTANDARD.

"Nicht immer leicht", sei es laut Direktorin Annette Höfferl, "ein harmonisches Zusammenleben unterschiedlicher Menschen zu erhalten". Das Ende der Zweidrittelmehrheit für Schulgesetze sieht sie "als Gefahr". Man sei vom Konkordat abhängig und könne "ohne dessen Subventionen dem Bildungsauftrag nicht mehr nachkommen". (Flora Eder/DER STANDARD-Printausgabe, 10.5.2005)

  • Gelebte Integration: Im Wiener Schulzentrum Friesgasse vereint sich unter dem Kruzifix ein Religions-, Sprach- und Kulturpotpourri von Schanghai über Ankara bis Jerewan und Delhi.
    foto: standard/cremer

    Gelebte Integration: Im Wiener Schulzentrum Friesgasse vereint sich unter dem Kruzifix ein Religions-, Sprach- und Kulturpotpourri von Schanghai über Ankara bis Jerewan und Delhi.

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