Grabrede als innerer Monolog

9. Mai 2005, 20:47
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"Wittgensteins Neffe" auf der Probebühne des Kornmarkttheaters Bregenz

Als Thomas Bernhard 1967 in der Wiener Lungenheilstätte Baumgartner Höhe interniert war, lernte er dort seinen Mitpatienten Paul Wittgenstein kennen, einen Exzentriker und Lebemann, der sein beträchtliches Familienvermögen so rasch durchbrachte, dass er seine letzten Jahre in Armut und in Einsamkeit verlebte. Zwölf Jahre lang hat Thomas Bernhard das Sterben seines an einer Nervenkrankheit leidenden Freundes beobachtet, protokolliert und später zur Erzählung Wittgensteins Neffe verdichtet.

Diesen Text hat nun Regisseurin Renate Aichinger zu einer Bühnenfassung umgeschrieben. Sie kürzte - in enger Abstimmung mit dem Verlag - den Monolog von dreieinhalb auf eineinhalb Stunden und vermied es vor allem, einen Ich-Erzählenden Thomas Bernhard auf die Bühne zu bringen. Hier steht vielmehr die Entwicklung einer Freundschaft im Mittelpunkt. Die Erinnerungen des Protagonisten, gespielt von Alois Frank, an seinen verstorbenen Freund werden im Verlauf des Stückes immer persönlicher. Und ganz untypisch für eine Bernhard-Figur hat dieser Mensch neben allem zornigen und wortreichen Egoismus auch etwas Zerbrechliches: Er fühlt sich schuldig, seinen Freund nicht bis zum Ende begleitet zu haben. Es ist dies übrigens die letzte Arbeit von Renate Aichinger für das Landestheater Vorarlberg. Sie wird als freie Regisseurin und Autorin künftig in Wien tätig sein. (mh/DER STANDARD, Printausgabe, 10.05.2005)

Probebühne des Kornmarkttheaters
Seestraße 2
6900 Bregenz
Karten und Info: 05574/40 80
Weitere Aufführungen: 11./12./13./27./28. 5., jeweils 20 Uhr
  • Artikelbild
    foto: landestheater bregenz
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