Gib dem Auto kräftig Zucker

20. Mai 2005, 16:51
5 Postings

Autos, die mit Benzin oder Ethanol oder beidem betankt werden können sind der große Renner in Brasilien - Das Land glaubt beim Sprit aus Zucker an einen Exportschlager

Die Verhandlungen mit Japan laufen, Roadshows in Indien, Thailand oder Australien liegen schon hinter Brasiliens Zuckerbaronen. Der jüngst vor der WTO gewonnene Streitfall gegen die Zucker-Subventionen in Europa (siehe "Wissen" links) gibt der Hoffnung auf einen riesigen Zukunftsmarkt zusätzliche Nahrung.

Die Rede ist von Ethanol, eigentlich einem Nebenprodukt in der Zuckerherstellung. Doch der Alkohol könnte als Treibstoff für Autos schon bald zum Hauptprodukt der gigantischen Zuckerindustrie werden - so die Exportträume wahr werden. Brasilien ist der weltweit größte Zuckerproduzent und -exporteur.

15 Milliarden Liter Ethanol

Im Land selbst werden zur Benzin-Beimischung heuer 15 Milliarden Liter Ethanol produziert, zwei Milliarden Liter fließen in den Export. Brasiliens Landwirtschaftsminister Roberto Rodrigues rechnet im Gespräch mit Journalisten jedoch vor: "Wenn Japan entscheidet, Benzin zehn Prozent Ethanol beizumischen, entspräche das weiteren zwölf Milliarden Liter" - fast eine Produktionsverdopplung.

Schon seit mehr als 20 Jahren wird in Brasilien 25 Prozent Ethanol zum Benzin gemischt, Auslöser war die Erdölkrise 1973. Brasilien war auch das erste Land weltweit, in dem bleifreies Benzin zum Einsatz kam.

Der neueste Verkaufsschlager sind die so genannten Flex-Fuel-Cars, also Autos, die völlig beliebig mit Benzin oder Ethanol oder einer Mischung aus beiden betankt werden können. Anders als in Europa oder in den USA bieten diverse Hersteller wie Volkswagen, Fiat, Ford, GM und demnächst Renault diese Autos an, die gleich teuer sind wie herkömmliche.

Mehr PS

Dabei kostet der Liter Ethanol an der Zapfsäule - weil die Reichweite des Fahrzeugs etwas sinkt - nur rund 70 Prozent des "normalen" Treibstoffes Benzin, dafür steigt jedoch die PS-Leistung. Neben dem Umweltgedanken ein weiteres Kaufargument.

Seit 2002 gibt es die umweltfreundlicheren Flex-Fuel-Cars in Brasilien - im Vorjahr machten sie bereits 30 aller Neuzulassungen aus. Heuer dürften schon 50 Prozent aller in Brasilien produzierten Autos mit dem flexiblen Tank ausgestattet werden, prognostiziert die Vereinigung brasilianischer Autoproduzenten, Anfavea. Im mit Abstand größten Land Lateinamerikas werden laut dieser Prognose heuer 1,64 Millionen Autos neu zugelassen, vier Prozent mehr als im Vorjahr.

In den USA, dem seinerzeit größten Hoffnungsmarkt Brasiliens, sind die Agrarproduzenten selbst auf den Ethanol-Zug aufgesprungen. Dort wird Ethanol aber aus Mais hergestellt. "Teurer und weniger effizient", sagt Monika Bergamaschi, Direktorin einer der größten Zuckerfabriken im Bundesstaat Sao Paulo. In Österreich wird an eine Produktion unter anderem aus Rüben gedacht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.05.2005)

Michael Bachner aus Sao Paulo

Wissen

Der Zuckerstreit
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.