Die Lebendigkeit der Musikränder

17. Mai 2005, 11:57
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Klassikertreffen beim Kaleidophon-Festival

Ulrichsberg - "Cats and dogs" regne es, so vernahm man dieser Tage zu Ulrichsberg. Ja, die Anglofonie ist (tier-)bildhaft. Das Oberösterreichische ebenfalls, dort nennt man derlei nasskalte Unbilden, die das traditionelle Kaleidophon-Wochenende einwölkten, schlicht "S...wetter". So unwirtlich die Natur, so heimelig ward einem anlässlich der 20. Festival-Ausgabe und angesichts vieler vertrauter Gesichter auf und vor der Bühne zumute.

Ulrichsberg, der hart an der tschechischen Grenze gelegene Mühlviertler Marktflecken, hat sich nach subversiven Anfängen in den 70er-Jahren, als sogar der örtliche Pfarrer in Sonntagspredigten vor den seltsamen Klängen warnte, zu einer international respektierten Institution gemausert. Wobei man sich nach Jahren der Öffnung hin zu zeitgenössischer Tonsetzerei nun primär der Hege und Pflege der historischen Avantgarde des Free Jazz bzw. der frei improvisierten Musik verschrieben hat.

Eine durchaus konservative Programmlinie - die so lange nicht zum Problem werden dürfte, als es Kapazunder gibt, die die Last der Jahre noch nicht hat müde werden lassen. Alexander von Schlippenbach, der 67-jährige Berliner Pianist, vollführte eine Tour de Force durch die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, indem er Zwölftonlinien entwickelte, freitonale Romantizismen streifte, Thelonious-Monk-Themen und Walking-Bass-fundierte Jazzyness anklingen ließ und sich von allem Flüchtig-Filigranen immer wieder durch kraftvolle Eruptionen freispielte.

Da war auch ein Altvorderer wie Günter Christmann, der seine Posaunen- und Celloklänge mit den elektronischen Beiträgen der Mitstreiter Serge Baghdassarians und Boris Baltschun zu hochsensiblen, fein gearbeiteten Einheiten verwob. Immerhin achtbar schlug sich Elisabeth Harnik:

Die junge Grazer Pianistin entpuppte sich als disziplinierte Motiventwicklerin, die ihre Energien in wellenartigen Steigerungen ausspielte und so die zwischen Abstraktion und Puls-Andeutung changierende Interaktion der Tandems Uli Winter/Fredi Pröll und Christian Weber/Christian Wolfarth dirigierte.

Überlagerungen

Dennoch wurde erneut offenkundig, dass sich die fruchtbare Gegenwart der Improvisationsmusik eher abseits des Modernistischen abspielt, dort, wo nach Kommunikationskanälen in andere stilistische Gefilde gesucht wird. Das zeigte das junge, strukturbewusste New Yorker Trio Fieldwork um Pianist Vijay Iyer und Saxofonist Steve Lehman, die höchst spannend unabhängige Linien und Materialschichten übereinander lagerten und diese von Tyshawn Sorey rhythmisch unter Dampf setzen ließen.

Einen richtigen Programm-Ausreißer erlaubte man sich sogar mit dem Wiener Trio Radian, das sich in fetten Bässen und ebensolchen Stop-and-Go-Grooves zurzeit in hörenswerter Weise in der Kunst des Zulassens übt. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.05.2005)

Von
Andreas Felber
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