Realitätsanspruch und Selbstverklärung

9. Mai 2005, 19:40
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Das Filmarchiv Austria zeigt unter dem Titel "Besetzte Bilder" noch bis 26. Juni österreichisches Kino der Jahre 1945 bis '55

Wien - Junge Mädchen, konfrontiert mit sexueller Ausbeutung oder unerbittlicher elterlicher Strenge. Junge Burschen, denen als letzter Ausweg aus ökonomischen oder psychischen Zwangslagen nur die sprichwörtliche schiefe Bahn offen steht.

Asphalt (1951) von Harald Röbbeling, führt exemplarisch und sehr explizit die Fallgeschichten von fünf Jugendlichen ins Treffen, um damit um Verständnis für die Probleme einer in den Kriegs- und Nachkriegsjahren aufgewachsenen Generation zu werben.

Ähnlich wie in Kurt Steinwenders Wienerinnen (1952) oder in der Rosenhügel-Produktion Schicksal am Lenkrad (1954) verbinden sich auch hier realitätsnahe, häufig an Originalschauplätzen gedrehte Milieubeschreibungen zu etwas kolportagehaften, aber nichtsdestotrotz eindringlichen Erzählungen. In den Kanon des österreichischen Nachkriegskinos fanden diese Arbeiten, die nicht nur offiziellen Bildern zuwiderliefen, sondern zum Teil auch formal eigenwillig vorgingen, keine Aufnahme. Erst in jüngerer Zeit werden sie nach und nach wiederentdeckt oder, wie im Fall von Asphalt, überhaupt in ihrer ursprünglichen Form wieder gesichert. Und sie zeigen, dass es neben den bekannten Kontinuitäten in der Produktion von Österreichbildern auch (diskontinuierliche) Versuche gab, einer äußeren Wirklichkeit Eingang ins Kino zu verschaffen.

Österreich-Mythen

Mit der Reihe Besetzte Bilder rückt das Filmarchiv Austria das österreichische Kino der Jahre 1945 bis '55 nunmehr ins Zentrum seines aktuellen Programms. Filme wie die eingangs erwähnten konterkarieren darin unter anderem die "Österreich-Mythen der Wiederaufbauära".

Diese entstehen im selben Zeitraum, häufig unter Rückgriff auf historische Stoffe und Persönlichkeiten und weit gehend unter Ausblendung der jüngeren Geschichte: Erzherzog Johanns große Liebe aus dem Jahr 1950, Maria Theresia aus dem Jahr 1951 oder schließlich der erste Sisi-Film mit Romy Schneider, der 1955 produziert wird.

Demgegenüber stehen weiters die bereits unmittelbar nach Kriegsende hergestellten "Reeducationfilme", die die österreichische und deutsche Bevölkerung sehr direkt mit den Verbrechen des Nationalsozialismus konfrontierten, sowie "Alliierte Österreich-Projektionen" (zu denen auch Carol Reeds Der dritte Mann gehört).

Der Band Besetzte Bilder und ein Symposion im Metro-Kino (11. und 12. Mai) - herausgegeben beziehungsweise konzipiert von Karin Moser - fokussieren den Blick auf einzelne Aspekte der damaligen Bilderproduktion. Und sie treten nicht zuletzt mit dem Anspruch an, die auch dieser Tage wieder gerne zitierten, emblematischen Aufnahmen und Selbstdarstellungen zu "kontextualisieren" und zu hinterfragen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.05.2005)

Von Isabella Reicher

  • Österreichische Selbstdarstellung anno 1952: Hilde Krahl in "1. April 2000" von Wolfgang Liebeneiner.
    foto: filmarchiv

    Österreichische Selbstdarstellung anno 1952: Hilde Krahl in "1. April 2000" von Wolfgang Liebeneiner.

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