Streit um wahre Antifaschisten

10. Mai 2005, 15:18
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Serbischer Disput über Tschetniks und Partisanen am Gedenktag

Während Europa den Sieg gegen den Faschismus feierte, beschränkte man sich in Serbien auf zurückhaltende Pflichtübungen anlässlich des 60. Jahrestages. Wenige blasse Veranstaltungen erinnerten an das Kriegsende, einige Hundert mit Orden beschmückte Kriegsveteranen versammelten sich am Grab des kommunistischen Partisanenführers Josip Broz Tito. Und das war es schon. So, als ob der antifaschistische Kampf während des Zweiten Weltkriegs nichts mit Serbien zu tun gehabt hätte.

Die Befangenheit erklären manche Historiker damit, dass Serbien einfach nicht weiß, wie es mit seiner Geschichte umgehen soll. Einerseits wurde Tito von den Alliierten als Verbündeter im Kampf gegen den Faschismus gesehen. Dies qualifizierte das kommunistische Jugoslawien etwa dafür, einer der Gründerstaaten der UNO zu werden.

Andererseits bestreiten serbische Geschichtsschreiber in den vergangenen fünfzehn Jahren die Rolle von Titos Partisanen im Kampf gegen Nazideutschland und versuchen den Kommandanten der königlichen Tschetnik-Bewegung, Draza Mihailovic, als den eigentlichen Führer der antifaschistischen Kräfte in Serbien zu etablieren.

Tschetniks rehabilitiert

Wenn serbische Politiker über den Siegestag reden, vermeiden sie über die Sieger, also Titos Partisanen, ein Wort zu verlieren. "Serbische Politiker reden ungern über den antifaschistischen Kampf in Jugoslawien, weil sie befürchten, dass das als Unterstützung des Kommunismus verstanden werden könnte", erklärt die Publizistin Borka Pavicevic dem STANDARD.

Das zeuge von dem herrschenden ideologischen Wirrwarr. Es sei eine Schande, wie wenig man zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Serbien gemacht hätte und dies zeuge von einem völligen Unverständnis europäischer Werte, so Pavicevic.

In Serbien wird Mihajlovics Kollaboration mit der faschistischen Okkupationsmacht geleugnet. Seine Tschetniks wurden neulich vom Parlament rehabilitiert, alles im Sinne der "historischen Versöhnung", wie es hieß. Für die rund 1,7 Millionen Kriegsopfer in Jugoslawien - prozentuell nach Russland und Polen die größte Opferzahl in Europa - wird in letzter Zeit Tito verantwortlich gemacht.

Er hätte "unnötigerweise" die deutschen Truppen "provoziert", die sich am Volk gerächt hätten, so die am stärksten verbreitetste These in Serbien. Mihajlovics Taktik, auf den Ausgang des Weltkriegs zu warten und "unnötige" Opfer zu vermeiden, wird gepriesen. Schlicht geleugnet wird auch, dass Tschetniks unter deutschem Kommando gegen Titos Partisanen gekämpft haben, weil Mihajlovic in erster Linie mit der kommunistischen Bewegung in Serbien abrechnen wollte.

So war der Siegestag in Serbien hauptsächlich ein neuer Anlass für die alte Auseinandersetzung zwischen Tschetniks und Partisanen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2005)

Von Andrej Ivanji aus Belgrad
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