Gehörlosen- Diskriminierungsbericht: Erniedrigung in der Welt ohne Töne

11. Mai 2005, 22:58
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Neben Ausbildung und Arbeitswelt wird Diskriminierung u.a. in Bereichen Sicherheit, Medien, Medizin dokumentiert

Wien - Es sind diese ewigen, immer wiederkehrenden Herabwürdigungen des Alltags. Sei es, dass es in ganz Österreich nicht eine einzige Frühförderstelle für Gebärdensprache gibt. Oder: Eine HTL lehnt es ab, Gebärdensprachdolmetscherinnen einzusetzen. Dafür kommt eine Stützlehrerin. Für eine Stunde pro Woche. Oder: Unterricht ohne Dolmetscher - zu Semesterende will die Professorin der gehörlosen Schülerin keine Note geben. Sie könne nichts mitbekommen haben. Dafür wird nur von der Gehörlosen eine extra Seminararbeit verlangt.

Das alles setzt sich im Berufsleben nahtlos fort. Ständig werden Sprachbarrieren ignoriert - und einfach erklärt, dass Gehörlose eben so etwas nicht tun können. Eine Gehörlose aus der Lohnverrechnung - wird als Putzkraft eingesetzt. Eine andere will Kindergärtnerin werden - unmöglich, wird ihr im Arbeitsamt erklärt. Jetzt arbeitet sie in einer Fabrik, putzt Maschinen.

Tägliche Diskriminierung

Diese Fälle wurden nun erstmals von der gehörlosen Diskriminierungsbeauftragten Lydia Tonar zusammengetragen und als "1. Diskriminierungsbericht der Österreichischen Gebärdensprachgemeinschaft" veröffentlicht. Neben Ausbildung und Arbeitswelt wird die tägliche Diskriminierung Gehörloser in den Bereichen Sicherheit, Medien, Medizin und Dienstleistungen dokumentiert.

Ein wichtiges Instrument dagegen wäre die Anerkennung der österreichischen Gebärdensprache. "Seit 15 Jahren kämpfen wir darum", erinnert Helene Jarmer, Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes (ÖGLB). Jetzt soll es aber bald so weit sein: Ein Entwurf zur Anerkennung der Gebärdensprache als Minderheitensprache hat bereits den Ministerrat passiert - vor dem Sommer soll er noch vom Parlament abgesegnet werden.

Minderheitensprache

Wobei Österreich aber eher Nachzügler denn Vorreiter ist - schließlich ist bereits in acht der 15 "alten" EU-Staaten die Gebärdensprache als Minderheitensprache anerkannt.

Auch sei die Anerkennung noch so formuliert, "dass in der Folge noch andere Gesetze geändert werden müssen - aber das ist alles sehr allgemein und vage gehalten", erläutert Jarmer. Das heißt: Wir müssen weiter aufklären." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD – Printausgabe, 10.05.2005)

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ÖGLB

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    foto: photodisc
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