Hysterie als Chance

2. Juli 2005, 19:38
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Eines kann man nicht behaupten: dass die derzeit hin- und herwogende Feinstaubdebatte von nüchterner Sachlichkeit getragen wäre. Im Gegenteil. Vor der "neuen Gefahr" wird da lautstark gewarnt, tausende "Feinstaubtote" werden hochgerechnet - und kein Mensch kann wirklich nachvollziehen, auf welchen Grundlagen das tatsächlich beruht.

Fest steht zum einen, dass die Feinstaubbelastung so neu nicht ist - nur: Sie wird erst seit Kurzem exakt gemessen. Niemand kann seriöserweise sagen, was wir Anfang der 90er-Jahre alles an Feinstaub eingeatmet haben.

Zum anderen gilt es noch weiter zu erforschen, welche Anteile des Feinstaubes welche Auswirkungen haben. So zeigte sich etwa bei den Wiener Analysen, dass sich im Feinstaub nicht nur Verbrennungsrückstände, Brems- und Reifenabrieb oder Mineralien aus Splitt oder Baustellenstaub finden. Sondern auch zerriebene Pflanzenteile und Erdpartikel. Und die wirken gewiss anders als Feinstaub von Dieselmotoren. Andererseits: Wer Kette raucht oder ständig in verrauchten Räumen sitzt, braucht sich feinstaubmäßig nicht mehr groß Gedanken machen, wie sehr ihn Straßenverkehr oder Hausbrand gefährden.

Schwarzer Peter

Bei so vielen Faktoren ist es leicht, den schwarzen Peter herumzuschieben. Von einem Verursacher zum anderen, vom Bund auf die Länder und wieder retour. Trotzdem birgt die derzeit grassierende Feinstaubhysterie auch eine Chance: Sie bietet endlich wieder eine Möglichkeit, die weit gehend entschlummerte Ökologiedebatte wiederzubeleben. Auch wenn jetzt marktschreierisch vor einem neuen Modeschadstoff gewarnt wird, könnte das letztlich Bemühungen um eine integrative und akkordierte Luftreinhaltungspolitik stärken. So gesehen war der "Feinstaubgipfel" vom Montag ein erster positiver Schritt. (DER STANDARD – Printausgabe, 10.05.2005)

Von Roman David-Freihsl
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