Vergessenwollen ist dumm und sinnlos

23. Mai 2005, 18:41
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Niemals einen "Schlussstrich" unter die Nazi-Verbrechen ziehen, forderte Deutschlands Präsident Köhler - Eine Kolumne von Hans Rauscher

Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler sagte im Bundestag anlässlich 60 Jahre Kriegsende, man könne niemals einen "Schlussstrich" unter die Verbrechen des Dritten Reiches ziehen. Der österreichische Philosoph Rudolf Burger wiederholte in "Offen gesagt" sinngemäß seine alte Aussage, Vergessen sei besser, und die Erinnerung an die Gräuel werde versinken wie die an Karthago (für Assinger- Kandidaten: Die nordafrikanische Seemacht und Hochkultur wurde in mehreren Kriegen rund 200 v. Chr. durch die Römer dem Erdboden gleichgemacht. Etwa so, wie es Hitler mit Warschau und riesigen Landstrichen in der Sowjetunion getan hat).

Genozide sind keine Spezialität des 20. Jahrhunderts. Gallien hatte ein Drittel weniger Einwohner, nachdem Julius Cäsar mit ihm fertig war. Er selbst berichtet, er habe aufsässige Stämme "ausgerottet" . Nach über 2000 Jahren wissen davon nur Spezialisten. Vielleicht wird in zweitausend Jahren die Erinnerung an den Holocaust auch nur noch eine Sache für Historiker sein, selbst wenn man bedenkt, dass die Information über den Zweiten Weltkrieg millionenfach größer ist als "Der gallische Krieg", der nur in ein paar Schriftrollen kursierte.

Eine starke Erinnerung an diese singuläre Katastrophe unserer Geschichte wird noch sehr lange bleiben, auch wenn die letzten, die sich erinnern können, gestorben sind. Erinnerung, nicht Vergessen, das man ja gar nicht bewusst betreiben kann, wie es Burger offenbar wünscht, ist die einzige Möglichkeit, mit diesen Traumata fertig zu werden. Ganz abgesehen davon, dass es zur Verantwortung der gesellschaftlichen und publizistischen Funktionseliten gehört, für einen angemessenen Umgang mit diesen ungeheuerlichen Taten zu sorgen, entwickelt die Erinnerung ihre eigene Dynamik. Wenn rund 50 Prozent der Österreicher den Wunsch hegen, man möge über den Zweiten Weltkrieg und alles, was damit zusammenhängt, nicht mehr reden, dann zeigt dieser Verdrängungswunsch ja, dass es darunter noch arbeitet.

Wenn ein japanischer Ministerpräsident nach dem anderen sich für die Verharmlosung der japanischen Gräuel im Zweiten Weltkrieg entschuldigen muss, dann ist das ein Zeichen für ein unaufgelöstes Problem im öffentlichen Bewusstsein Japans. Die Erinnerung an die 12 bis 15 Millionen, die die Japaner in China umgebracht haben, teilweise schon Jahre vor dem Weltkrieg, will heraus.

Die Türkei will der EU beitreten, aber sie leugnet akut und mit feierlichen Erklärungen des Parlaments sowie Bestimmungen des Strafrechts den Völkermord an den Armeniern. Wenn sich das in den nächsten zehn Jahren nicht dramatisch ändert, kann es keinen EU-Beitritt geben.

Vergessensphilosophen wie Burger weisen gerne darauf hin, dass andere ja die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen, etwa die Spanier. Irrtum. In Spanien beginnt man gerade, die Vergangenheit buchstäblich auszugraben, nämlich die Massengräber der Franco-Zeit. Es müssen offenbar erst 20, 25 Jahre seit dem Ende einer verbrecherischen Diktatur verstreichen, ehe eine neue, junge Generation ans Aufarbeiten geht. Das war bei uns so (da hat es 30 Jahre bis zur Waldheim-Affäre gedauert), das wird auch in den postkommunistischen Staaten so sein. Nach dem Zusammenbruch der Diktatur geht es darum, die ärgsten Verbrecher zu bestrafen und im Übrigen den "Wiederaufbau" zu leisten. Wenn der geschafft ist, wendet man sich der Frage zu, wie es möglich war und wo die vielen Mittäter geblieben sind. Wir werden es sehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2005)

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