Das Gedankenjahr und die 44 Prozent

9. Mai 2005, 13:19
23 Postings

Kolumne von Hans Rauscher

Wir feiern viel in diesen Tagen. Ganz Europa, die USA und ein Großteil der Welt feiern. Vor 60 Jahren wurde unter entsetzlichen Opfern der "Feind der Menschheit", Adolf Hitler, und sein Regime von hunderttausenden Tätern und Millionen Mitläufern niedergerungen. Berichte von Zeitzeugen, die wir hören und lesen, sind voll von Ungeheuerlichkeiten. Noch in den letzten Tagen, das sichere Ende vor Augen, wurde weitergemordet - "Deserteure", "Wehrkraftzersetzer" aufgehängt und erschossen, Juden und KZ-Häftlinge noch zu tausenden umgebracht. Nicht nur von den Mordeliten des Regimes, sondern von ganz normalen Bürgern: "Volkssturm", alte Männer und Hitlerjugend.

Dieses Regime war das Böse an sich. Man sollte meinen, das sei geistiges Allgemeingut. Nicht ganz. Nach einer kürzlich veröffentlichten Umfrage sind rund 60 Prozent der Sympathisanten von FPÖ und BZÖ der Meinung, der Nationalsozialismus habe "sowohl Gutes als auch Schlechtes gebracht". Aber das ist nicht das Problem. Nach derselben Umfrage (GfK) sind volle 44 Prozent der Gesamtbevölkerung auch dieser Meinung. Das ist das Problem.

Eine Rückfrage ergibt, dass es sich nicht um ein Missverständnis handelt. Diese Frage wird von GfK seit Jahren gestellt, und jedes Mal kommt ein beachtlicher Prozentsatz heraus: 1987 waren es 47 Prozent, 1996 43 Prozent, 2004 immerhin nur 31 Prozent, heuer wieder 44 Prozent. Nun gibt es bei einer so heiklen Frage immer Unwägbarkeiten; z. B. kommt sehr darauf an, ob jemand "anonym" am Telefon antwortet oder face to face. Aber an der Größenordnung ist nicht zu rütteln.

Was ist das? Nostalgie bei Zeitgenossen? Sicher. Im Familienverband weitergegebenes Gedankengut? Ganz sicher. Woher hatte denn Jörg Haider seine Meinung, dass das Dritte Reich eine "ordentliche Beschäftigungspolitik" betrieben hätte? Aber es gibt noch zwei Faktoren: Die eine ist die Mischung aus blanker Dummheit und Schlechtigkeit. Dummheit: Viele begreifen nicht, dass das Wesen dieses Regimes die Vernichtung war und die "Beschäftigungspolitik" nur der Weg zum Krieg.

Schlechtigkeit: Viele fanden und finden es ganz okay, andere zu berauben. Der Historiker Götz Aly hat darauf hingewiesen, dass die Sozialleistungen des Dritten Reiches nur durch den größten Raubmord und die größte Versklavung der Weltgeschichte (Juden und Zwangsarbeiter) möglich waren.

Ein ganz wesentlicher Faktor in Österreich ist aber, dass die Politik und großteils auch die Medienöffentlichkeit gegenüber dem Nazitum und seinen Vertretern windelweich war und ist. Unlängst durfte der ehemalige FPÖ-Obmann Friedrich Peter in Funk und Fernsehen auftreten, ohne dass er hart und insistierend gefragt wurde, wie er es geschafft hat, in einer SS-Judenmordeinheit "clean" zu bleiben.

Schüssel und Khol ergehen sich in Anspielungen, Herr Gudenus möge doch zurücktreten, der Herr Kampl wird geschont, denn er wird noch gebraucht. Die Staatsanwaltschaft erklärt vorweg, Gudenus werde man eh nix nach dem Verbotsgesetz nachweisen können. Wenn das Verfahren dann eingestellt ist, bitten wir um genaue juristische Erläuterung, warum die wiederholte klare Ansage, die Existenz der Gaskammern müsse erst bewiesen werden, keine "gröbliche Verharmlosung der Verbrechen des Nationalsozialismus" ist.

Die Politik war und ist - mit der Ausnahme Vranitzky - feig; sie hält Gedenkreden, aber sie kam und kommt nicht zur Sache. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. Mai 2005)

Share if you care.