Pressestimmen: "Zeitverschobene Erinnerungen"

25. Mai 2005, 18:07
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Figaro: Warum fällt es Russland so schwer, die Taten Stalins zu verurteilen?

Paris/Warschau - Die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs stehen am Montag im Mittelpunkt zahlreicher europäischer Pressekommentare:

"Le Figaro" (Paris):

"Damit wir in Europa zusammenleben können, hat Deutschland seine Verbrechen anerkannt. Warum fällt es Russland so schwer, die Taten Stalins zu verurteilen? Die Tendenz geht sogar in die andere Richtung. Wladimir Putin hat den Zusammenbruch der UdSSR als 'größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts' dargestellt und damit das Ausmaß seiner Nostalgie offen gelegt. Soll Stalins Regime das Vorbild für die Größe sein, die der ehemalige KGB-Apparatschik anstrebt? Hoffen wir es nicht. Doch angesichts des autoritären Regimes, das mit Macht in Russland zurückkehrt, stellt sich die Frage zuweilen."

"Libération" (Paris):

"Auf den Ruinen des Nazi-Reiches wurden 1945 zwei Europas geboren: Das eine, der Westen, gründete auf Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit. Es feiert seinen Sieg am 8. Mai. Das andere, der Osten, wurde von Vorherrschaft und Totalitarismus eines Sowjetreiches erstickt, das seine gewaltigen Opfer hervorhob und seinen Sieg am 9. Mai feierte. Der Bruch durch Europa, der seit dem Fall der Berliner Mauer verschwindet, setzt sich in den zeitverschobenen Erinnerungen an das Kriegsende in Moskau und anderswo fort. Die Westeuropäer und die USA sehen im 8. Mai den Sieg der Demokratie. Die Russen finden im 9. Mai, was sie brauchen, um ihre Träume von nationaler Größe weiterzuträumen."

"Gazeta Wyborcza" (Warschau):

"Am einfachsten ist es, die Toten zu versöhnen. Das wird dem russischen Präsidenten Wladimir Putin heute in Moskau sicherlich gelingen. Mit den Lebenden kann er jedoch Probleme haben. Seine noble Absicht der 'endgültigen Aussöhnung aller Menschen auf beiden Seiten der Front' (...) birgt das Risiko eines großen Missverständnisses. Es fehlt ein Element, ohne das Versöhnung nicht möglich ist - es fehlt die Wahrheit. Geschichte lässt sich bekanntlich neu schreiben, aber sie lässt sich nicht ändern. (...) Wenn Putin wirklich Aussöhnung will, soll er anfangen, die Wahrheit zu sagen."

"Dagens Nyheter" (Stockholm):

"Die Feiern in Moskau sind Anlass zum Gedenken an die Toten. Aber auch zur Erinnerung an unangenehme Entwicklungen in Russland. (...) Natürlich ist dies ein Sieg, an den man sich erinnern sollte. Zu Recht haben sich Russen darüber beklagt, dass man im Westen gern die enormen Opfer der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges übersieht. Die Zahl der Toten ist gewaltig. Drei Viertel aller militärischen deutschen Verluste vollzogen sich im Osten. Aber die Feiern in Moskau zeigen auch, wie schwer es ist, den sowjetischen Sieg von den daraus folgenden Konsequenzen zu trennen. Die Repräsentanten der Länder in Osteuropa, die von den Nazis befreit wurden, nur um in einer kommunistischen Diktatur zu landen, sind mit gemischten Gefühlen zur Siegesfeier nach Moskau gefahren."

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Russland will keinen frischen Blick auf seine Geschichte wagen. Die Furcht vor einer Selbstüberprüfung ist verständlich. Hinter der russischen Kulisse liegt wie ein schlafendes Monster die sowjetische Geschichte. In ihrer großen Mehrheit ziehen es die Russen daher vor, sich einfach nicht umzudrehen. So bleibt das Andenken an den 'Großen Vaterländischen Krieg' ungetrübt von Stalins verbrecherischem Pakt mit Hitler 1939. So ruhen Millionen Opfer des sowjetischen Diktators in der Vergessenheit. So bleibt die sowjetische Zwangsherrschaft über die eine Hälfte Europas sorgfältig verdrängt."

"Die Welt" (Berlin):

"Schien es nicht so, als zwinge uns die Ingrimmigkeit des Gedenkens in geradezu obszöner Weise an die Seite des 'Bruder Hitler', wie Thomas Mann ernst und ironisch meinte, so als sollten wir von ihm nie mehr los kommen? Horst Köhler hat den Instinkt, dass gerade dies sein muss, dass dieser Hitler nicht mehr der Deutschen 'Führer' sein darf, wie es die immerwährende Fixierung der deutschen Geschichte auf ihren tiefsten Punkt befiehlt. Es muss eine Befreiung im wahren Sinn des Wortes geben, eine Erlösung von dem Übel, die seine Kenntnis, seine Erkenntnis, sein Geschichtsfaktum einschließt."

"Berliner Zeitung":

"Es ist nicht das Ende des Zweiten Weltkrieges, nicht das Ende millionenfachen Mordens in Europa, dem an diesem Montag in Moskau gedacht wird, sondern der Sieg der sowjetischen Truppen im Großen Vaterländischen Krieg. Es ist ein Gedenken, kein Erinnern. Die Heroisierung des Sieges gibt vor, dass der Preis, den dieser unumstrittene Beitrag der Sowjetunion zur Befreiung Europas vom Nationalsozialismus gekostet hat, gerechtfertigt war. Die Glorifizierung des Opfers verdrängt die millionenfach zerstörten russischen Biografien." (APA/dpa/AFP)

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