Eine Elite mit gut geknüpftem Netz

21. Dezember 2005, 12:31
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Kaum eine andere Hochschule hat so ein erfolgreiches Netzwerk wie das Collège d'Europe in Brügge: Rund 7800 Alumni, 1000 davon in Brüssel, darunter mehr als 230 Österreicher

Wer sich in Brüssel umschaut, merkt es sehr schnell - vom kleinen Praktikanten bis hinauf zum ranghöchsten EU-Beamten haben viele eines gemein: Irgendwann haben sie einen Master am Collège d'Europe in Bruges gemacht - einer kleinen, feinen Hochschule im gleichnamigen Städtchen, keine Autostunde von der belgischen Hauptstadt entfernt.

Vier Generaldirektoren in der EU-Kommission sind "anciens", wie die Absolventen der zweisprachigen EU-Kaderschmiede genannt werden. In den Kabinetten der EU-Kommissare besetzen Brügge-Abgänger gar "30 von 200 Stellen", wie EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso bei einem Vortrag am Collège erzählte. Und auch in den Außenministerien, nicht zuletzt dem österreichischen, finden sich viele "anciens": Außenministerin Ursula Plassnik ist nur die Prominenteste davon. Woran das liegt? Barroso hat eine Antwort parat, die viele Brügge-Absolventen problemlos unterschreiben würden: "Brügge steht nicht nur für akademische Exzellenz, sondern vor allem für praktisches Wissen." So lehren an dem 1949 gegründeten Institut nicht nur "hochkarätige Professoren aus aller Welt", wie Vize-Rektor Robert Picht erzählt, sondern auch Praktiker - Anwälte aus den Brüsseler Starkanzleien und hohe EU-Beamte, die nicht aus Lehrbüchern oder wissenschaftlichen Aufsätzen zitieren, sondern aus der Praxis heraus erzählen, wie sie eine Fusion oder eine Reform vorbereitet haben - oder gar, wie man in der EU-Kommission zu einer befristeten oder einer Beamtenstelle kommt.

Daneben werden Bewerbungsgespräche geübt - auf Französisch und Englisch, den beiden Unterrichtssprachen. Das hilft auch den Studenten, die eher in die Privatwirtschaft wollen, in Anwaltskanzleien oder Lobbyistenbüros. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Wer zu den 25 Prozent Bewerbern gehört, die einen der begehrten 400 Studienplätze in Brügge oder im polnischen Natolin bekommt, dem erschließt sich ein Netzwerk, wie es kaum eine andere Prestige-Hochschule hat: Mehr als 7800 Alumni gehören dazu, davon sind rund 1000 in Brüssel und mehr als 230 Österreicher. Wenn ein Brügge-Absolvent etwa zu Anne Draime kommt, dann blättert die Leiterin des Anciens-Büros in ihrem 700-seitigen Absolventenbuch und sagt dann: "Sie wollen in die EU-Kommission? Rufen Sie diesen Beamten an."

Eliten-Netzwerker

Natürlich werden Absolventen nicht auf einen Posten gehievt, nur weil sie aus Brügge sind. Alle Auswahlverfahren sind standardisiert, auch bei Praktika. Doch wenn am Ende noch ein Dutzend Bewerber übrig bleiben - alle topqualifiziert - kann ein Quäntchen mehr entscheidend sein. "Wenn das Profil passt, kann jemand aus Brügge einen Startvorteil haben", sagt auch der Österreicher Michael Erhart, Abteilungsleiter in der EU-Kommission, der seinen ersten EU-Job einem Ancien zu verdanken hat. Lange bevor Österreich der EU beitrat, verriet ihm ein Ancien, dass die EU einen österreichischen Experten sucht - Erhart bewarb sich und bekam prompt die Stelle. Kein Wunder also, dass sich jedes Jahr zwischen drei und fünf Österreicher in Brügge einschreiben. Dass das Netzwerk so gut funktioniert, ist kein Zufall: In Brügge wird das Netzwerk intensiv gepflegt. Anciens werden regelmäßig zu Vorträgen eingeladen, alle paar Jahre zu einer Jahrgangsfeier, und einmal im Jahr wird der Alumnus des Jahres gekürt. (Marlene Holzner/DER STANDARD, Printausgabe)

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    Im kleinen Städtchen Brügge, keine Autostunde von der belgischen Hauptstadt entfernt, wird die top vernetzte Elite des Collège d´Europe ausgebildet.

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