Die Wahrheit liegt im Dreck

8. Mai 2005, 21:02
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Peter Brook besucht mit seinem Ensemble die Wiener Festwochen im Ronacher und präsentiert das Spiel vom Leben des Sufimeisters "Tierno Bokar"

Wien - Die Wahrheit, sie führt eine Randexistenz an entlegenen Orten. In den menschlichen Gedärmen, beispielsweise. Von dort aus entschlüsselt sie dem, der ihre Spuren auch im Dreck wahrzunehmen versteht, die Geheimnisse des Seins. Den Knaben von Mali etwa das Wissen um die Gleichheit der Menschen, von schwarzer Bevölkerung und französischer Kolonialmacht: "Die Exkremente der Weißen sind so schwarz wie unsere." - Und den kleinen Unterschied: "Aber mit viel Papier." Letzteres vielleicht ein Hinweis auf viel unverdaute Lektüre der mächtigen Herren.

Vermittler der Kulturen

Peter Brook, der große Wahrheitssucher am Theater, der Vermittler zwischen den Kulturen, hat sich einmal mehr nach Afrika begeben. Auf die Fährte des großen malischen Sufi-Mystikers Tierno Bokar, einem Nachfahren des islamischen Eroberers El Hadj Omar.

Von der geschilderten kurzen Episode abgesehen erinnert allerdings wenig in Brooks rund neunzigminütiger Afrika-Expedition an die verdrängten Seiten körperlicher Weisheit. Ruhig und klar, schön und edel wie je lagert der Brook'sche Kontinent auf der Bühne des Ronacher. Der berühmte "leere Raum", groß und schwarz auch er, belebt von Bambusmatten, einem Baumpfahl, darin Menschen, barfuß, in wallenden Gewändern, würdevoller Haltung und gemessener Sprache.

Im vergangenen März beging Peter Brook seinen achtzigsten Geburtstag. Längst ist sein 1971 gegründetes Centre International de Création Théâtrale (C.I.C.T.) nicht mehr das "Labor", in welchem nach einer neuen, Kulturen übergreifenden Theatersprache geforscht wird. Längst wurden die Pariser Bouffes du Nord, in denen das C.I.C.T. beheimatet ist, zur heiligen Pilgerstätte. Zur Kirche eines anderen Theaters. Zur ehrwürdigen Institution.

Längst besucht man eine neue Inszenierung von Peter Brook nicht mehr in der Hoffnung auf überraschende Erkenntnisse in ästhetischer Hinsicht. Wohl aber, und auch hierin gleicht es einer Kirche, um den profanen Theateralltag durch die Begegnung mit dem an Gourdieff geschulten Theater-Mystiker zu relativieren. Im Bewusstsein also um die Möglichkeit einer wie auch immer gearteten Transzendenz des theatralen Erlebnisses. Oder sei es nur, weniger metaphysisch, aus Interesse an der Begegnung mit einer hier zu Lande kaum vorhandenen Orientierung des Theaters am Geist asiatischer und afrikanischer Weisheit, einem konsequent verfolgten, eigenen Weg.

Tierno Bokar ist eine Produktion, die Brooks Interesse am islamischen Sufismus in zweifacher Weise widerspiegelt: inhaltlich und ästhetisch. In ihrem Zentrum stehen Leben und Lehre des Tierno Bokar, des großen, 1875 geborenen Sufimeisters, wie sie einer seiner Schüler, der Autor Amadou Hampathé Bâ im gleichnamigen Buch geschildert hat.

Gespräche zwischen Schülern und Lehrer, Momente der Stille und der Reflexion bestimmen denn auch den getragenen Rhythmus des kurzen Abends. Dem Streit der islamischen Schulen - entzündet an der Frage, ob das tägliche Morgengebet, die "Perle der Vollendung", elf- oder zwölfmal in Folge zu beten sei - hält Tierno Bokar (von Sotigui Kouyate wunderbar eindrücklich verkörpert) die Vielfalt der möglichen Wahrheiten entgegen, in einem Satz, der mehrfach wiederkehrt: "Es gibt drei Wahrheiten. Meine Wahrheit, deine Wahrheit, die Wahrheit."

Eine relativ schlichte Lehre also, die Brook den lauschenden Jüngern hier predigt - und doch der ewig verlorene Schlüssel zu jeder Form von Toleranz. Beredter noch als Sätze wie dieser kündet allerdings die Sprache der Körper, die gelassene Ruhe in den Bewegungen der Akteure von Peter Brooks Botschaft. In der Konfrontation mit der nervösen Anspannung, den abgehackten Gesten der französischen Kolonialbeamten (alle: Bruce Myers) weist sie den Weg der inneren Stille.

Neuer Sammelband

Pünktlich zum Gastspiel der Pariser Truppe und als Hommage zum achtzigsten Geburtstag des Meisters präsentiert am heutigen Montag (14 Uhr, Porzellangasse, Schauspielhaus) der Berliner Alexander Verlag, in dem die wichtigsten theoretischen Texte Brooks erschienen sind, Der leere Raum und Wanderjahre, einen 300-seitigen Sammelband, der neben neuen Texten Peter Brooks einen 80-seitigen Essay von Brook-Experte und Herausgeber Olivier Ortolani sowie zahlreiche Beiträge langjähriger Weggefährten des Theatermachers (Yoshi Oida, Michel Piccoli, Jean-Claude Carrière) versammelt: Peter Brook. Theater als Reise zum Menschen (19,90 Euro). (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 5. 2005)

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