Gedenken, nicht Geschäft: Peter Eisenmans Stelenfeld

8. Mai 2005, 20:48
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Am Dienstag wird das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin offiziell eröffnet - es gibt der Shoah ihre Singularität zurück, indem es jede Erzählbarkeit der Ereignisse verneint

Gerhard Schröder wünschte sich "einen Ort, an den man gerne geht". Nun hat er ihn bekommen. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas wird absehbarerweise ein Erfolg. In bester Berliner Lage - an der Touristenmeile zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz - liegt das Stelenfeld von Peter Eisenman, das am Dienstag feierlich der Öffentlichkeit übergeben wird. Von allen Seiten werden die Menschen künftig in dieses Labyrinth ohne Zentrum hineingehen können.

Sie können über die Oberfläche der Betonstelen streichen, die mit einer Substanz der Firma Degussa gegen Graffiti immunisiert wurde. Sie können Andacht üben oder den Ort als Abenteuerspielplatz nutzen. Und sie können sich am Ort der Information das Mindestwissen über die Shoah, den Genozid an den Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft, aneignen. Die meisten werden auch danach von einem Besuch des "Holocaust-Mahnmals" sprechen, denn dieser Begriff hat sich eingebürgert, ungeachtet aller problematischen Konnotationen der Bezeichnung "Holocaust".

Großes Zeichen

Das Denkmal wird ein Erfolg werden, weil es die vielen Schwierigkeiten, die ihm zugrunde liegen, nicht mehr erkennen lässt. Es hebt sie auf in ein großes Zeichen, von dem der Architekt jede inhaltliche Bestimmung fern zu halten versucht. Kein Gräberfeld möchte er sehen, keinen Wald, nur Stelen, deren Muster zugleich geometrisch und wellenförmig bestimmt ist.

Als die Journalistin Lea Rosh und der Historiker Eberhard Jäckel im Jahr 1988 begannen, sich für ein Denkmal stark zu machen, regierte Helmut Kohl in Bonn. Berlin war eine geteilte Stadt, und die offizielle DDR begriff sich als Staat gewordenes antifaschistisches Mahnmal. Die Bundesrepublik hatte gerade einen Historikerstreit hinter sich gebracht, in dem die Singularität der NS-Verbrechen als Eckstein ihres demokratischen Selbstverständnisses kodifiziert wurde.

Erst vor dem Hintergrund eines wiedervereinigten Landes und der "Berliner Republik" bekam das geplante Denkmal eine neue kontroverse Qualität als "negatives" Nationaldenkmal. Martin Walser sprach für die große Gruppe der Denkmalgegner, als er sich gegen eine "Monumentalisierung der Schande" aussprach. Seine Rede in der Frankfurter Paulskirche 1998 galt spezifisch dem "fußballfeldgroßen Albtraum" im Zentrum Berlins, allgemeiner aber der deutschen Geschichtspolitik als solcher, mit Auschwitz als "Drohroutine".

Die unausgesprochene Pointe von Walsers Einlassung war, dass er das Mahnmal als Massenmedium begriff, als eine institutionalisierte, immer währende Kommunikation zur Erinnerung an Schuld, und damit als steinernes Hindernis auf dem Weg zur "Normalisierung" des deutschen Verhältnisses zur eigenen Geschichte. Nun, da das Denkmal fertig und durch einen Ort der Information auch noch inhaltlich gegen seine eigene Abstraktionsleistung versichert ist, stellt sich heraus, dass das Gegenteil richtig sein wird.

Die Eröffnung zum Abschluss einer langen Bau- und Diskussionsgeschichte ist der letzte Schritt auf dem Weg einer Normalisierung, die die Massenmedien längst vollzogen haben. Einen Tag vor dem Staatsakt zeigt das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit dem Dokudrama Speer und er einen weiteren mit größter Aufmerksamkeit erwarteten Film über einen Protagonisten des Dritten Reichs.

Interesse an Tätern

Heinrich Breloers Dreiteiler, in dem Albert Speer, der vermeintliche "gute Nazi", nicht nur des Mitwissens über die Judenvernichtung, sondern auch der direkten bürokratischen Beihilfe dazu überführt wird, ist das wichtigste gegenwärtige Indiz dafür, dass das Interesse sich zunehmend auf die Täter konzentriert. Von ihnen ist wesentlich mehr audiovisuelles Material überliefert, während das Wissen über die Opfer sich vorwiegend aus den Berichten von Überlebenden und aus der Sicht der Befreier ergibt. Auf diese indirekte Zeugenlage haben die Medien schon früh durch Fiktionalisierung reagiert. Fernsehserien wie Holocaust oder Spielfilme wie Schindlers Liste stehen kanonisch für die Opfergeschichte. Auf diesen Zusammenhang einer pädagogisch vereinfachenden Anschaulichkeit reagiert das Mahnmal wesentlich stärker als auf die "Schande".

Eisenman gibt der Shoah ihre Singularität zurück, indem er das Ereignis der Erzählbarkeit wieder entzieht. Damit sanktioniert das Denkmal (das de facto übrigens viel narrativer ist, als der Urheber und die offizielle Rezeption es zugestehen wollen) alle Formen der Vermittlung, weil es selber das historische Geschehen als unvermittelte Setzung für die Dauer des Bestehens einer deutschen Demokratie symbolisch festhält.

Es sanktioniert aber auch die Ausbeutung des Nazimythos durch Filme wie Der Untergang, weil es als offizielles Denkmal den Unterschied zwischen Gedenken und Geschäft aufrichtet, den das "Histotainment" so lange mit aufklärerischen Absichten verleugnen musste. Darin liegt eine "Normalisierung", die von den Initiatoren nicht beabsichtigt sein konnte, aber für den Moment die eigentliche Leistung dieses Bauwerks darstellt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 5. 2005)

Von Bert Rebhandl aus Berlin
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