Kommentar: Gas geben in die Gemütlichkeit

20. Mai 2005, 17:18
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Österreichs Benutzeroberfläche ist sportiver als früher und doch träger

In Österreich wird ein mittelteures Fußballstadion in Klagenfurt dem verfilzten politisch-wirtschaftlichen Sektor abgetrotzt. Eine Leistung gegen alle Verhinderer. In anderen Bereichen wie dem Kor- almtunnel wird gegen das allgemeine Wohl und für die Befriedigung von Partikularinteressen entschieden. Österreich hätte keine Euro 2008 und keine halbwegs funktionierenden Häuser, wenn sich nicht die Fußballfunktionäre und ein interessierter Architekt darum bemüht hätten.

Die Kabale um das Klagenfurter Stadion ist eben keine Justizgroteske, sondern ein Symptom der Kraftlosigkeit und intellektuellen Unredlichkeit, das dieses von existenziellen Sorgen freie und mit sozialem Frieden gesegnete Land befallen hat. Hätten die Sportfunktionäre auch im Fall der Euro-Bewerbung oder der Stadienneubauten die Fantasielosigkeit der Politik hingenommen, es gäbe ein paar Skandale und eine Chance weniger, das Land kreativ zu positionieren.

Gestalten wie der mehrfache Olympiasieger Toni Sailer (1956) oder das Fußballteam mit seinem dritten Platz bei der WM 1954 personifizierten den Schwung des Wiederaufbaus und die Suche nach einem "neuen Selbstbewusstsein". Wie verantwortungslos Kommunen mit Kultur- und Infrastrukturerbe umgehen, sieht man an der 1957 von Roland Rainer erbauten Stadthalle. Erst wurde sie von Wiener Banausen verunstaltet, bei der Eishockey-WM funktionieren nicht einmal mehr die Installationen.

Als das Fußballteam 1954 im WM-Halbfinale von den Deutschen 1:6 besiegt wurde, beklagte der Ex-Schwimmer und Schriftsteller Friedrich Torberg das Ende der (Fußball-)Kultur. Damals waren die Politiker würdige ältere Herren mit fitten Köpfen, Sportstyling war ihnen so fremd wie Totalabstinenz. Seither infiltrierte der Sport als Brand und Botschaft alle Lebensbereiche - von der Scheinheiligkeit der McDonald's-Werbung, wie sie der ÖFB betreibt, bis zum patriotischen Heldenwahn, erstarrt in der Absurdität des Arnold-Schwarzenegger-Stadions.

Elfriede Jelinek formulierte im "Sportstück" den Vorbehalt gegenüber dem Sport. Ein Ersatzkriegsschauplatz sei er, eine Arena des Hasses, schreibt sie, in der Sportkampfbahn vernichten die Helden ihre Gegner und werden dafür geliebt. Die Dichterin ignoriert die schöpferische Spannung des Sports. Sie bildet freilich den Zündfunken für die als patriotische Anlässe gierig gefeierten Sportsiege eines Hermann Maier oder Markus Rogan.

Die Zuschreibung individueller Erfolge auf das nationale Konto funktioniert heute wie vor 50 Jahren. Doch der Sport entfaltet keinen flächendeckenden identitätsstiftenden Schwung mehr, er pusht höchstens die Quote oder das Sponsorwohlbefinden. Die Fitnesswelle kaschiert die zunehmende Faulheit und Fettleibigkeit.

Aus den würdigen Politpapas sind sportiv gebräunte Erfolgstypen mit Imageberatern und Interessengruppen geworden. Der sportive Look korreliert mit der geistigen Fitness jedoch nicht immer. Die Mannschaft um Julius Raab hätte Wolfgang Schüssels Team wohl schwindlig gespielt, auch wenn generationenübergreifende Leistungsvergleiche im Sport problematisch sind.

Der sportive Phänotyp suggeriert sportliche Werte wie Fairness, Offenheit, Gleichheit. Doch die sportive Stilisierung dringt nicht tiefer als die gebräunte, straffe Hard-Body-Haut. Die zeitgeistige Versammlungsform ist Regierungsrad- oder -bergwandern. Ein Fototermin, kein ernsthafter Lebensinhalt, den Sport als den kleinsten gemeinsamen Nenner der Sinnstiftung missbrauchend.

Vielleicht ist es gut, dass sie gerade noch Stadien bauen und möglichst wenig anderes. Vielleicht ist es besser, dass sie das Gewinnen des Lebens den Einzelnen und ihrer Initiative überlassen und nicht Gefolgschaft für ihre Botschaften verlangen. Vielleicht wäre es das Beste für alle, wenn sie weniger den Speed und mehr den Spirit im Sport schätzen würden.( Johann Skocek, DER STANDARD Printausgabe 9. Mai 2005)

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