"Sie rebellieren nicht"

9. Mai 2005, 08:58
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Österreichs Jugend sieht sich als welt­offen, hat wenig Ach­tung vor Politikern, schätzt Demokratie - und einen ruhigen TV-Abend

Seit vielen Jahren empfinden sich rund 90 Prozent der Österreicher als Teil einer österreichischen Nation. Nur bei den Jüngsten, in der Altersgruppe zwischen 15 und 19, ist das etwas anders. Da sagen in einer großen GfK-Studie nur 59 Prozent, wir seien eine Nation (und 35 Prozent meinen: "auf dem Weg dazu"). Mögliche Interpretation: Diese Altersgruppe hat mit dem Begriff "Nation" Schwierigkeiten. Oder: Es ist ihnen auch nicht so wichtig. Vermutung: Was noch vor 80 bis 100 Jahren von den meisten abgelehnt wurde, was sich in den 60 Jahren der Zweiten Republik erst relativ mühsam herausbildete, nämlich eine von der deutschen abgelöste eigene österreichische Identität, gilt den Jugendlichen heute als selbstverständlich oder ist schon ersetzt von einer neuen Sicht: Weltoffenheit.

In einer Imas-Untersuchung von 2003 ("Selbstporträt der Österreicher") bezeichen sich die 16- bis 29-Jährigen zu 58 Prozent als "weltoffen", der Bevölkerungsdurchschnitt nur zu 48 Prozent. 34 Prozent der Jungen wollten "heimatverbunden" sein, gegenüber 47 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Jänner 2005 erhob Imas die "Erziehungsgrundsätze" ("Wozu sollte man seine Kinder erziehen"). Die 16- bis 24-Jährigen fanden "Heimat, Vaterland lieben" nur zu 21 Prozent wichtig (gegenüber 41 Prozent in der Gesamtheit). Bei derselben Frage zeigten sich die etwas Älteren, die zwischen 24 und 29 Jahren, plötzlich mit 40 Prozent gleichauf mit der Gesamtbevölkerung. Der Prozess der "patriotischen" Bewusstseinsbildung beginnt offenbar erst mit dem frühen Erwachsenenalter, mit Beruf, Studium, Medienkonsum.

Demokratie verankert

Grundsätzlich sind Demokratie und die Notwendigkeit politischen Interesses unter österreichischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen fest verankert; da muss man sich keine besonderen Sorgen machen. 90 Prozent speziell der Jungen (Bandbreite 14-24) sagen: "Demokratie ist auf jeden Fall besser als Diktatur" (GfK 2004). Von den Höhen dieser abstrakten Ebene gibt es aber einen fürchterlichen Absturz, wenn es um die konkrete österreichische Politik geht. Eine aktuelle Umfrage von OGM und Politikforschung an der Uni Klagenfurt (Peter Filzmaier) im Auftrag von Bundesländerzeitungen ergibt, dass die 14- bis 24-Jährigen zu fast 70 Prozent der Ansicht sind, die "Politiker kümmern sich nicht um die Anliegen der Menschen". Das mag nicht verwundern angesichts trüber Jobaussichten, Studiengebühren und der Atmosphäre des Hickhacks.

Grundsätzliches gesellschaftspolitisches Interesse und Engagement ist bei den österreichischen Jungen da, obwohl sie als "Fun-Generation" gelten (tatsächlich wollen nach einer Spectra-Umfrage 2003 rund 80 Prozent "Spaß im Leben"); aber die Bereitschaft, sich zu engagieren, erstreckt sich kaum auf die "Politik-Politik". Manfred Zentner im Bericht des Sozialministeriums "Lage der Jugend in Österreich" (2003): "Jugendliche setzen sich oftmals abseits der Institutionen ein."

Der Wunsch, aktiv mitbestimmen zu können, ist allerdings oft deutlich unterrepräsentiert. In einer brandneuen Untersuchung der Stiftung Weltbevölkerung (SWI) zum Thema "Global Kids", wo in Europa, der Türkei und in Indien abgefragt wurde, nennen nur 15 Prozent der Jugendlichen konkrete Inhalte wie Kampf gegen Unmenschlichkeit, Intoleranz, Rassismus und die Diskriminierung von Frauen.

"Sie rebellieren nicht", sagt die Soziologin Edith Schlaffer, Mitautorin der "Global Kids"-Studie. "Weder privat noch öffentlich. Es gibt wenig Widerstand gegen die Eltern, wenig gegen Zustände im öffentlichen Bereich. Wir haben auch Lehrer(innen) befragt, und denen macht Sorge, dass es so eine weltweite Entertainmentkultur gibt, wo ein paar alternde Moguln eine Jugendkultur fabrizieren. Andererseits gibt es eine erfreuliche Erfahrung gerade in Österreich: Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist bei den Jugendlichen akzeptiert. Feminismus ist akzeptiert."

In den meisten Umfragen wird das Verhältnis zu den Eltern als gut beschrieben, Ziele sind Partnerschaft, Familie, ein sicherer Job. Der Autor der market-Studie "Was den Österreichern heilig ist" (2004) macht sich sogar ein wenig darüber lustig: "Im Detail betrachtet, fällt besonders die starke Akzentuierung des Privaten bei der Jugend (15 bis 29 Jahre) auf. Die in der Vergangenheit vielfach mit der Jugend in Zusammenhang gebrachten Attribute wie rebellisch, unangepasst oder gar gegen die bestehenden Normen verstoßend können hier nicht empirisch bestätigt werden. Im Gegenteil: In mancherlei Hinsicht scheint es, als ob die Generation der über 60-Jährigen - oft milde belächelt als graue Panther - hier den Ton angeben." Diese legten am stärksten auf persönliche Freiheit wert. Und: "Den 15- bis 29-Jährigen sind - abgesehen von der Mode - Werte am wichtigsten, die nicht unbedingt den ,Keim der Revolution' in sich bergen. Neben ihrem Freundeskreis legen sie am stärksten Wert auf den regelmäßigen Urlaub, auf das eigene Auto, den beruflichen Erfolg, die Ehe und die sexuelle Treue. Das Recht, abends ungestört fernsehen zu können, wird von den 15- bis 29-Jährigen und den über 60-Jährigen ungefähr gleichermaßen eingefordert." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. Mai 2005)

Von Hans Rauscher
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    Die in der Vergangenheit vielfach mit der Jugend in Zusammenhang gebrachten Attribute wie rebellisch, unangepasst oder gar gegen die bestehenden Normen verstoßend können nicht empirisch bestätigt werden.

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