Kopf des Tages: Vaira Vike-Freiberga

25. Mai 2005, 18:07
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Nachhilfe in nationaler Psychologie - Trotz allem in Moskau dabei: Lettlands Präsidentin

Frische Vorhänge montierte die Mutter, den Tisch bedeckten die Bibel und ein Laib Brot. So nährte die Familie ihre Hoffnung auf Rückkehr, als sie am 10. Oktober 1944 vor der Sowjetarmee aus Lettland floh. Fortan galt es, sich auf einer langen Odyssee an andere Länder anzupassen.

Der erst sieben Jahre alten Vaira fiel dies leichter als ihren Eltern. Allein sprachlich assimilierte sie sich schnell, als sie Schulen im deutschen Flüchtlingslager Lübeck bis 1949 und im marokkanischen Casablanca besuchte, ehe die mittlerweile 16-Jährige 1953 in Kanada landete. "Was man auch tut, als Flüchtling denkt man immer an die Heimat", resümierte Vike-Freiberga später als lettische Präsidentin.

Die Rückkehr in ein irgendwann freies Lettland vor Augen engagierte sich die Philologin nicht nur als Jugenderzieherin in der lettischen Diaspora, sondern auch wissenschaftlich in der Erforschung der lettischen Volkslieder "Dainas". Das füllte die polyglotte Mutter zweier Kinder bald nicht mehr aus. 1965 schloss sie an der Universität Montreal ein Doktoratstudium in experimenteller Psychologie ab. Dieses Fach lehrte sie als Professorin bis 1998.

55 Jahre dauerte es, bis sich die Hoffnung erfüllte und Vike-Freiberga mit ihrem Mann, einem Informatikprofessor, nach Lettland aufbrach. Vairas Eltern haben die historische Ironie nicht mehr erlebt: Als erste Frau in Lettlands Geschichte und als kanadische Staatsbürgerin wurde ihre Tochter, die davor nur sieben Jahre im Land gelebt hatte, 1999 zur Präsidentin gewählt.

Dass die Trägerin vieler wissenschaftlicher Preise ohne politische Karriere zum Staatsoberhaupt wurde, verwunderte nur jene, die nicht um ihr lebenslanges Engagement in zahlreichen Gesellschaften und Organisationen wussten. Im Juni 2003 wunderte sich niemand über ihre Wiederwahl mit 88 Prozent der Parlamentsstimmen, schließlich unterstützten sie laut Umfrage 74 Prozent der Bürger, und unter der russischen Bevölkerungsgruppe, die über ein Drittel aller Einwohner ausmacht, zumindest die Jugend.

Unter Vike-Freiberga ging Lettland den Weg in die Nato und die EU. Das Verhältnis zu Russland entspannt sich nur allmählich. Und obwohl Vike-Freiberga am Montag im Gegensatz zu ihren Amtskollegen von Litauen und Estland an den Moskauer Siegesfeiern teilnimmt, äußert sie unverblümt ihren Unwillen über Russlands Geschichtsauffassung. Es sei wie in der menschlichen Psyche, meinte sie fachmännisch: Die schmerzhafte Vergangenheit gebäre Neurosen; scheue man die mühsame Auseinandersetzung, werde man nie geheilt.

Mit Russischkenntnissen glänzt Vike-Freiberga nicht. Mit Präsident Wladimir Putin spricht sie daher in vertrauter Runde - Deutsch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. Mai 2005)

Von Eduard Steiner
  • Vaira Vike-Freiberga

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