Russlands Wahrheiten

8. Mai 2005, 18:46
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Ein Kommentar von Josef Kirchengast

Russland brauche sich vor überhaupt nichts zu fürchten, meint Sergej Mironow, als Vorsitzender des Föderationsrates die Nummer drei im Staat, im STANDARD-Interview. Und er hat Recht. Denn dieses Land mit seiner reichen Kultur, mit seinen riesigen Rohstoffreserven und seinem immensen menschlichen Potenzial hat alle Voraussetzungen für eine glänzende Zukunft.

Im offiziellen Blick auf die Vergangenheit scheint aber noch immer Angst der bestimmende Faktor zu sein. Angst, dem Volk die volle Wahrheit zuzumuten; Angst vor den Folgen einer schonungslosen Auseinandersetzung mit allen Aspekten des Stalinismus.

Die neue Generation müsse "die Wahrheit über diese Ereignisse" wissen, sagte Präsident Wladimir Putin am Vorabend der Moskauer Feiern zum 60. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland. Dies werde sie gegen Propaganda und Extremismus immunisieren. Und auch Putin hat Recht.

Aber seine Worte stehen in starkem Kontrast nicht nur zu der weithin zu beobachtenden Stalin-Nostalgie in der russischen Gesellschaft, sondern auch zum Geschichtsbild des offiziellen Russland - wenn etwa die Geschichtsbücher in den Schulen Stalin als Feldherrn feiern und ein Werk, das sich sehr kritisch mit dem Diktator und dessen Krieg gegen das eigene Volk auseinander setzt, seit zwei Jahren aus dem Unterricht verbannt ist.

Nicht Stalin, sondern das Volk der damaligen Sowjetunion hat entscheidend zum Sieg über den Nazismus beigetragen und dafür mit 27 Millionen Toten einen fürchterlichen Blutzoll entrichtet. Einem Volk, das dieses unfassbare Leid ertragen und überlebt hat, ist auch die ungeschminkte Wahrheit über seine Geschichte zuzumuten. Mehr noch: Es hat ein Recht auf diese Wahrheit, aus Respekt vor den Opfern und als Ausgangspunkt für einen wirklich furchtlosen Weg in die Zukunft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. Mai 2005)

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