Geschichte als "Privatsache"?

8. Mai 2005, 18:39
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Der Fall Kampl als Synonym für den fragwürdigen Umgang der "Nachfolgegeneration" mit der NS-Vergangenheit: Muss man für die Kinder der Täter, die sich von deren Geschichtsbild nicht lösen können, "Verständnis" haben? Ein Kommentar der anderen von Margit Reiter

Siegfried Kampl hat sich bei seinen skandalösen Aussagen, wonach Deserteure "Kameradenmörder" gewesen wären und nach 1945 eine "brutale Naziverfolgung" stattgefunden habe, auf seine persönlichen Kindheitserfahrungen bezogen. Auch seine Verteidiger/innen verweisen darauf, dass Kampl "traumatische" Erfahrungen durchgemacht habe und man ihn daher "menschlich verstehen" müsse. Dieser Rückzug auf ein gleichsam "private" Erleben und Erinnern wird - zu Unrecht, wie ich meine - als ultimatives Entlastungsargument eingesetzt.

Kampl war 1945 acht Jahre alt und zählt somit zur zweiten, der "nachgeborenen" Generation. Als Sohn eines illegalen Nationalsozialisten, Ortsgruppenleiters und rechtmäßig verurteilten Denunzianten war er spezifischen Prägungen und Erfahrungen ausgesetzt, die er mit vielen "Kindern der Täter" teilt und die sein Geschichtsbild offenbar bestimmen: Für überzeugte Nationalsozialisten bedeutete das Kriegsende einen "Zusammenbruch", den Verlust politischer und persönlicher Ideale, manchmal auch kurzfristige soziale Deklassierung, Internierungslager und Anklagen vor Gericht. Müßig zu betonen dass die "Rehabilitierung" der Ex-Nazis vielfach nicht lange auf sich warten ließ. Diese bewegten sich meist unter Gleichgesinnten, glorifizierten und verharmlosten die NS-Zeit und lehnten daher auch die "Opferthese" als Deutungsangebot ab.

Vielmehr bildete sich im "Ehemaligenmilieu" eine Art Gegengedächtnis mit einem double-speak heraus - Heldengeschichten nach innen und Opferstilisierungen nach außen. Die Narrative setzten sich auch in den Familien fort und prägten so die Erfahrungswelt der Kinder. Diese erlebten die Eltern als "Verlierer" und als "Opfer" der Entnazifizierung und solidarisierten, ja identifizierten sich mit ihnen.

Mittlerweile sind diese "Kinder" aber längst erwachsen, und es stellt sich die Frage, wie sie heute mit der elterlichen NS-Involvierung, mit diesem "negativen Erbe" umgehen. Vorweg: So manchen von ihnen ist es trotz nachhaltiger familiärer Prägung sehr wohl gelungen, sich im Laufe ihres Lebens von ihren Eltern, dem damit verbundenen sozialen Umfeld und Wertesystem zu lösen. Dass das nicht einfach ist, steht außer Frage: Es erfordert die Fähigkeit zur Reflexion, das Aushalten von Widersprüchen und ist meist mit starken emotionalen Ambivalenzen verbunden.

Problematik . . .

Beim Großteil der NS-Nachfolgegeneration existiert aber kein Bewusstsein über mögliche familiäre Schuldverstrickungen, oder es überwiegt ein affirmativer, auf Entlastung abzielender Zugang. Tatsächlich verharren viele Kinder der Täter auch noch als Erwachsene in ihrer kindlichen Loyalitätshaltung und treten als Beschützer und Verteidiger ihrer (angeblich zu Unrecht angegriffenen) Elterngeneration auf.

Es handelt sich dabei keineswegs nur um Propenenten des rechten politischen Spektrums; das Bedürfnis, die eigenen Eltern präventiv zu entlasten, ist weit verbreitet.

Politisches Sprachrohr dieser Verteidigungshaltung war lange Zeit Jörg Haider, dessen Eltern überzeugte Nationalsozialisten waren. Seine Vorreiterfunktion als Tabubrecher und Apologet der pauschal vereinnahmten "Kriegsgeneration" (inklusive "anständiger" Waffen-SS) waren nicht nur, aber immer auch Ausdruck seiner Sozialisation. Er agierte in dieser Frage oft "aus dem Bauch heraus", ganz so wie heute der auf seinen Aussagen beharrende Kampl. Und es ist schon eine besondere Ironie der Geschichte, wenn nunmehr ausgerechnet Jörg Haider eine "Politik mit der Vergangenheit" ablehnt.

Dass der Kärntner Bundesrat mit seiner "privatisierten" Geschichtssicht nicht allein ist, zeigten die Reaktionen im Umfeld der FPÖ/BZÖ (in dieser Frage ist eine Differenzierung obsolet): Erwartungsgemäß changierten die Stellungnahmen überwiegend zwischen Verteidigung und verhaltener Zustimmung. Sofern es Distanzierungen gibt, dann lediglich von der Wortwahl, nicht aber vom Gesagten, wie etwa bei Andreas Mölzer, der das "einfältig vorgebrachte"(!) Geschichtsbild monierte. Kein Zweifel, der selbst ernannte Intellektuelle pflegt sich gewählter auszudrücken, sagt/ denkt letztendlich aber nichts wesentlich anderes. Ebenso wie seine "Gesinnungsfreunde" Stadler, Gudenus & Co.

Auch der Kärntner Gerwald Kitz, der nach Kampls "freiwilligem" Rücktritt kurzfristig als Ersatzmann im Bundesrat im Gespräch war, will dessen Aussagen nicht verurteilen - Begründung: Er habe "damals noch nicht gelebt" und könne daher nicht wissen, "was damals richtig oder falsch war".

Fazit dieser krausen Argumentation: Als Nachgeborener könne man sich kein Geschichtsbild machen, gerade so, als ob eine Haltung zur Geschichte sich bloß durch "Zeitzeugenschaft" herstellen ließe.

Diese Berufung auf die Zeitzeugenschaft, auf das eigene subjektive Erleben, das den historischen Fakten als gleichwertig gegenübergestellt wird, hat im Gedenkjahr wieder Hochkonjunktur. Der damit verbundene Anspruch auf Glaubwürdigkeit und Authentizität war schon immer problematisch - und ist es heute, 60 Jahre nach dem Nationalsozialismus, umso mehr.

. . . der "Zeitzeugen"

Denn erstens ist Erinnerung immer nachträgliche Rekonstruktion und Interpretation subjektiven Erlebens und kein Abbild historischer Realität. Und zweitens ist zu fragen, wer die heutigen "Zeitzeugen" denn eigentlich sind: abgesehen von wenigen Ausnahmen großteils die Kinder/Jugendlichen von damals.

Diese nehmen oft heute noch die "unschuldige" Kinderperspektive ein und geben letztendlich nur eine vermittelte ("vom Hörensagen"!) und äußerst selektive Erinnerung wieder. Ausgeblendet wird alles, was nicht in das eigene Geschichtsbild passt, wie etwa im gegenständlichen Fall die NS-Täterschaft des Vaters.

Es gibt ein Bonmot eines deutschen Kollegen, wonach "der Zeitzeuge der natürliche Feind der Historiker" sei. In der Causa Kampl scheint sich diese ironische Zuspitzung zu bestätigen. Denn sie führt uns vor Augen, wie weit Familiengedächtnis und Geschichtsschreibung oft auseinander klaffen, wie selektiv "private" Erinnerung verfährt und wie sehr sie sich gegen historische Fakten und differenzierte Forschungsergebnisse immunisiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 9. Mai 2005)

Margit Reiter ist Lektorin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und arbeitet derzeit an einer wissenschaft- lichen Publikation zur Tradie- rung und Verarbeitung des Nationalsozialismus bei den "Kindern der Täter".
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