Glänzende Fassaden in Russlands "Hinterhof"

18. Mai 2005, 13:24
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Der erste Besuch eines US-Präsidenten in Georgien wird als Stärkung der proamerikanischen Achse verstanden - Mit Infografik

Nino Burdschanadse begutachtet den Teppich in ihrem Vorzimmer mit der Nachlässigkeit einer der elegantesten Damen im Land und hebt den toten Bodenläufer schließlich kurz mit einer Schuhspitze an. "Der muss raus", entscheidet sie. Vier Männer packen an und rollen den Teppich zusammen, ein Dutzend neuer Palmen und Bonsai-Bäumchen wandern dafür in die Zimmer der georgischen Parlamentspräsidentin Burdschanadse.

Am Dienstag wird George W. Bush in ihrem Büro stehen, und das ist noch einer der weniger sichtbaren nichtöffentlichen Auftritte des US-Präsidenten in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Draußen vor dem Parlament hat die Regierung für ihren amerikanischen Gast den Boulevard Rustaveli, die Hauptstraße der Stadt, neu asphaltieren lassen. Tag und Nacht sind eine Woche lang Fassaden gestrichen worden, die das Auge des Präsidenten und die Kameras der US-Sender streifen könnten. Ein Luxus für ein Land, das ein Nationaleinkommen von nicht einmal 700 Dollar pro Kopf erwirtschaftet und wo Schlaglöcher, groß wie Küchentische, das Reisen beschwerlich machen.

Doch George W. Bushs Besuch in der früheren Sowjetrepublik Georgien - der erste eines amerikanischen Präsidenten - ist politisch zu bedeutend, als dass die Regierung um den Preis dieses Potemkin'schen Dorfes im Stadtzentrum von Tiflis feilschen würde. Noch am Montagabend, nach den Moskauer Siegesfeiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 60 Jahren, trifft Bush in Georgien ein, wo ein Volksprotest im November 2003 Präsident Eduard Schewardnadse zum Rücktritt zwang und seither die Anführer der "Rosenrevolution" um den jungen Staatschef Michail Saakaschwili regieren.

Georgien ist für Bush eines der strahlenden Beispiele für seine Idee von der neuen demokratischen Welle. Tatsächlich konnten sich die "Rosenrevolutionäre" - ähnlich wie in der Ukraine Ende 2004 - auf amerikanische Finanzhilfe verlassen. Saakaschwilis Republik gilt auch jetzt als Spitzenanwärter für ein 200-Millionen-Dollar-Programm der US-Regierung, das "Millennium Challenge Account", das Washington nun an ausgewählte Staaten als Entwicklungshilfe vergibt.

Bushs Auftritt auf dem "Freiheitsplatz" in Tiflis sei keine Botschaft an Moskau, versicherte Stephen Hadley, der Sicherheitsberater des Präsidenten. Bush werde sich auch nicht öffentlich in den Streit um die russischen Militärbasen in Georgien einmischen. Doch Bushs Besuch im "russischen Hinterhof" wird sehr wohl als Behauptung einer neuen proamerikanischen Achse verstanden, die vom Baltikum an der Ostsee über Kiew, Tiflis nach Baku ans Kaspische Meer reicht, wo Ende Mai eine neue Ölpipeline ihren Probebetrieb aufnimmt.

Bushs Besuch macht sich zuletzt auch die georgische Regierung zu eigen, die wegen der Hemdsärmeligkeit ihrer Reformpolitik zunehmend Kritik auslöst. "Es ist eine Botschaft an das georgische Volk, dass wir es richtig machen mit dem Aufbau der Demokratie", behauptet Nino Burdschanadse, die Parlamentspräsidentin. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 9.5.2005)

Von Markus Bernath aus Tiflis
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