Erstes Denkmal für Stalin seit Ende der UdSSR

25. Mai 2005, 18:07
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Warnung Gorbatschows Debatte um Befreiung - Vorwurf des Demokratie-Mangels: Putin kontert Bush

Widersprüchlicher hätten die Feiern zum Kriegsende vor 60 Jahren in Russland nicht beginnen können. Während Präsident Wladimir Putin in mehreren Statements die demokratische Entwicklung in Russland verteidigte und mit den Feierlichkeiten an Russlands Rolle zur Befreiung Europas vom Faschismus erinnern will, wurde am Sonntag erstmals seit dem Ende der Sowjetunion ein Denkmal für den Diktator Stalin errichtet.

Zwar ging die Initiative für das in dem ostsibirischen Ort Mirny eingeweihte Stalin-Monument nicht von der Partei der jetzigen Kremlführung, sondern von Kommunisten und Nationalisten aus. Dass Putin sich aber nicht dagegen verwehrte, sehen Menschenrechtler als Signal dafür, dass ihm dieser Präzedenzfall durchaus gelegen sei. Es kam Expräsident Michail Gorbatschow zu, in einem Interview vor einer Rehabilitierung Stalins zu warnen.

50 Staatschefs

Genau die Auffassungsunterschiede darüber, ob Stalin den Faschismus nur besiegen half oder den Zweiten Weltkrieges auch mitentfachte, trüben seit Monaten die Stimmung hinsichtlich der Triumph- und Gedenkfeiern am heutigen 9. Mai in Moskau. Mehr als 50 Staatschefs werden zu den Feiern erwartet - lediglich der britische Premier Tony Blair und Georgiens Präsident Michail Saakaschwili haben im Anschluss an die Präsidenten Litauens und Estlands abgesagt.

Lettlands Präsidentin Vaira Vike-Freiberga erinnerte daran, dass im Baltikum nach dem Hitlerregime die Diktatur des Sowjetregimes folgte und die wirkliche Freiheit erst mit dem Fall des Kommunismus erlangt wurde. Zuletzt erhielten sie massive Unterstützung seitens der EU und Amerikas. US-Präsident George Bush kam am Samstag nach Lettland, wo er mit den Staatschefs aller drei Baltenrepubliken zusammentraf. "Wir haben diese Okkupation nie anerkannt", sagte Bush.

Putin kontert Bush

Dass es Russland an Demokratie mangle, hatte Bush schon im Vorfeld wiederholt angemerkt und sich damit eine scharfe Replik eingehandelt. Im TV-Sender CBS meinte Putin, Amerika solle zuerst den Zustand der eigenen Demokratie betrachten, denn vor vier Jahren habe ein Gerichtsentscheid den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen bestimmen müssen. Auch warnte er Amerika vor dem Versuch, "die amerikanische Demokratie in andere Länder exportieren zu wollen, wie man es im Irak versucht hat".

Wie zur Demonstration der Lebensfähigkeit des postsowjetischen Konstrukts GUS hielt Russland am Sonntag noch eilig einen GUS-Gipfel ab. Verabschiedet wurde eine Deklaration über humanitäre Zusammenarbeit. Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko, der mit Putin eine zwischenstaatliche Kommission gründete, betonte die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit einer weiteren GUS-Kooperation. (Eduard Steiner/DER STANDARD, Printausgabe, 9.5.2005)

Von Eduard Steiner aus Moskau
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