"Wegschauen ist keine Antwort"

9. Mai 2005, 08:59
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Zu einem Aufruf wider das Vergessen wurde die Gedenkfeier zur Befreiung des KZs Mauthausen - Bundespräsident Fischer mahnt zur Wachsamkeit

Mauthausen - Es war am 5. Mai 1945 gegen 12 Uhr Mittag, da öffneten sich die Tore des Konzentrationslagers Mauthausen. Kranke und Gefangene schleppten sich mit letzter Kraft in die Freiheit.

60 Jahre später, wieder gegen 12 Uhr Mittag, öffneten erneut amerikanische Soldaten symbolisch die Tore des NS-Vernichtungslagers. 21.000 Menschen aus 51 Nationen, darunter zahlreiche Ex-Häftlinge, feierten am Sonntag die Befreiung des ehemaligen Todeslagers. "Wir halten den Atem an. Hier war fast sieben Jahre lang das Böse zu Hause. Ein Stück Hölle auf Erden", mahnte Kardinal Christoph Schönborn in seiner Gedenkrede. Österreicher seien "unter der Opfern und unter den Tätern" gewesen, so Schönborn. "Mit dieser Gleichzeitigkeit von Trauer und Schande müssen wir leben." Bundeskanzler Wolfgang Schüssel: "Mauthausen ist ein Ort der Schuld, die viele Österreicher auf sich geladen haben, und es ist ein Ort der Opfer, die das bestialische Nazi-Regime gefordert hat."

Ein Aufruf wider das Vergessen war die Ansprache von Bundespräsident Heinz Fischer: "Einzelverbrechen der Geschichte müssen aufgelistet werden, es darf keine Aufrechnung mit Gräueltaten der jüngeren Geschichte geben." Denn die würde "zur Relativierung der NS-Verbrechen führen". Die planmäßige Vernichtung der Gefangenen in Mauthausen gehe über das menschliche Vorstellungsvermögen hinaus, sagte Fischer. Das sei ein Grund, "warum so vieles so lange verdrängt" worden sei. Wegschauen und Verdrängen sei keine Lösung: "Die Erinnerung an das Böse soll der Schutzschild gegen das Böse sein."

Holocaust, Totalitarismus und Fanatismus dürften sich nie mehr wiederholen, forderte der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero. Heute sei der geeignete Tag, um "Nie mehr" zu rufen. Zapatero war gekommen, um auf dem ehemaligen Appellplatz auch der 8000 in Mauthausen internierten Spanier zu gedenken. Bei den internationalen Feiern standen heuer die Kinder und Frauen, die im ursprünglichen Männerlager inhaftiert waren, im Mittelpunkt des Gedenkens. Bereits seit 1947 veranstalten die Überlebenden mit dem internationalen Mauthausen-Komitee die Gedenkfeier.

Fischer: "Es gibt nichts zu relativieren" Deutliche Absage an Ewiggestrige

Bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten im Schloss Hartheim in Alkoven in Oberösterreich hat das offizielle Österreich am Samstag klare Absagen an Ewiggestrige erteilt.

Der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer verurteilte den "schlampigen Umgang" mit der Geschichte. Bundespräsident Heinz Fischer erinnerte daran, dass in Hartheim zwischen 1940 und 1944 nahezu 30.000 behinderte und kranke Menschen sowie arbeitsunfähige KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter ermordet wurden. Monate vor Kriegsende sei versucht worden, die Spuren des Massenmordes zu tilgen. Fischer hielt fest, es herrsche Klarheit darüber, was in Hartheim verübt worden sei: "Es gibt nichts zu relativieren, zu beschönigen und heute auch nichts mehr, was erforscht werden muss." Er erinnerte auch an jene, die sich dem Morden entgegengestellt hätten und ihren Widerstand mit dem Leben bezahlen mussten. Die Konsequenz der Geschichte sei, dass die Solidarität mit Randgruppen ein fester Bestandteil der Gesellschaft sein müsse. Das "Recht des Stärkeren" sei kein Recht. Recht sei nur, wenn die Menschenrechte eingehalten würden. (Markus Rohrhofer,Kerstin Scheller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. Mai 2005/APA)

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    Spaniens Premier Zapatero legte einen Kranz nieder

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    Fischer in Mauthausen: "Einzelverbrechen der Geschichte müssen aufgelistet werden, es darf keine Aufrechnung mit Gräueltaten der jüngeren Geschichte geben." Denn die würde "zur Relativierung der NS-Verbrechen führen".

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