Begeisterter Empfang für "Napolaoun" in Beirut

19. Mai 2005, 11:50
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Ex-General strebt nach der Präsidentschaft - Comeback des christlichen Bürgerkriegs-Generals wurde zum innenpolitischen "Tsunami"

Beirut - Seine Anhänger nennen ihn den Charles de Gaulle des Libanon, seine Kritiker sprechen lieber von "Napolaoun": Der frühere christliche Armeechef General Michel Aoun ist nach knapp 15 Jahren im französischen Exil in seine Heimat zurückgekehrt. Seine Anhänger bereiteten dem 70-Jährigen und seiner Frau Nadia am Samstag einen triumphalen Empfang. Zehntausende jubelten dem syrienkritischen Oppositionspolitiker zu, als er im Zentrum der Hauptstadt das Grab des Unbekannten Soldaten und anschließend das des im Februar ermordeten Ex-Regierungschefs Rafik Hariri besuchte.

Der "Platz der Märtyrer" in Beirut glich einem Fahnenmeer. Vor allem junge Menschen schwenkten die orangefarbenen Fahnen von Aouns christlicher Patriotischer Bewegung und die rot-weiß-rote Libanon-Flagge mit der grünen Zeder. Viele bildeten mit den Fingern das "V" (Victory)-Zeichen. Aoun ist zurück, nur wenige Tage, nachdem der letzte syrische Soldat das Land verlassen hat. Der Abzug Syriens, für den Aoun als General und Chef einer Militärregierung 1988/89 gekämpft hatte, macht ihn für seine Anhänger zum "Befreier des Libanon".

"Wie ein Tsunami"

Seine Widersacher dagegen werfen Aoun vor, den Rückzug der syrischen Armee für sich zu beanspruchen. "Die Ermordung Hariris hat den syrischen Rückzug gesichert, nicht der Mann, der an diesem Nachmittag wie ein Tsunami über uns kommt", wetterte der drusische Oppositionspolitiker Walid Joumblat. Aoun und Joumblat hatten im libanesischen Bürgerkrieg (1975 bis 1990) gegeneinander gekämpft. Vor kurzem trafen sich die beiden langjährigen Widersacher in Paris, um über die Zukunft des Libanon zu beraten - anscheinend ohne große Übereinstimmung.

Der maronitische Christ Aoun, der aus bescheidenen Verhältnissen stammt, war 1984 unter Präsident Amin Gemayel mit 49 Jahren der jüngste Oberkommandierende der libanesischen Streitkräfte geworden. Zuvor hatte er eine militärische Ausbildung in Frankreich und den USA genossen. 1988 wurde er von Gemayel zum Übergangs-Ministerpräsidenten ernannt, obwohl der Premier im Libanon nach den Bestimmungen des "Nationalpakts" sunnitischer Moslem zu sein hat. 1989 weigerte er sich, die vom Parlament gewählten Nachfolger Gemayels - René Moawad (der 17 Tage nach seinem Amtsantritt ermordet wurde) und Elias Hraoui - anzuerkennen, und begann einen blutigen "Befreiungskrieg" gegen Syrien.

1990 wurde Aoun von den Syrern und den pro-syrischen Regierungstruppen unter dem Kommando des jetzigen Präsidenten Emile Lahoud niedergerungen und flüchtete in die französische Botschaft in Beirut. Französische Geheimagenten brachten ihn nach Paris ins Exil, aus dem er jetzt zurückkehrte. Die libanesische Justiz hatte den Weg dafür freigemacht, indem sie Anfang Mai mehrere Anklagen gegen Aoun aufhob.

Jetzt hat der 70-Jährige viel vor: Er habe ein Reformprogramm in der Tasche, kündigte Aoun bereits bei seiner Abreise in Paris an. Nötig seien jetzt "frisches Denken", die Abkehr vom politischen Feudalsystem und vom Konfessionalismus, der Trennung nach Religionszugehörigkeit, die noch aus dem 19. Jahrhundert stamme, sagte er bei seiner Ankunft in Beirut. Ende Mai wird im Libanon ein neues Parlament gewählt. Aoun möchte den pro-syrischen Präsidenten Lahoud beerben. (APA/AFP)

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    Ex-General Michel Aoun kehrte am Samstag aus dem Exil in Frankreich in den Libanon zurück.

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    Aoun-Anhänger feiern die Rückkehr des Ex-Generals in Beirut

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