Technikstudien mit Mädcheneffekt

7. Mai 2005, 12:40
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Elektronik, Informatik, Robotik - auf den ersten Blick schaut am Technikum Wien alles sehr männlich aus. Im Lokalaugenschein wird klar: Frauen sollen hier in Zukunft die Technik erobern

Es steht 7:4 draußen auf dem Vorplatz, vor dem Gebäude, das präsent auf dem Höchstädtplatz im 20. Bezirk wie ein Schiff am Hafen vor einem aufragt. 7:4, das ist eine kleine Überraschung, mit der man nicht rechnet, wenn man sich dem mächtigen Bau nähert. 7:4, das sind sieben junge Männer und vier junge Frauen, die hier vor dem Technikum Wien eine Rauchpause einlegen, bevor sie wieder zu einem der zehn Studiengänge verschwinden.

Die heißen Eisen, links am Parkplatz, sprechen eine andere Sprache, sie summen: KTM, Honda, Suzuki. Und auch die vielen Klingelschilder vor der Glastüre am Eingang mit den Aufschriften "Elektronik" oder "Mechatronik/Robotik" machen klar: Die Durchmischung draußen vor dem Technikum Wien (7:4) gilt sicher nicht für drinnen.

Gleichberechtigung

"Gleichberechtigung für alle" steht wie zufällig hingeschmiert auf einer der Plakatwände der nebenstehenden Baustelle. Wer hat es hingeschrieben? 1700 Studenten strömen hier täglich am Höchstädtplatz in die Fachhochschule, die seit 2002 das neue Haus mit der großzügigen Architektur und dem wunderbaren Blick auf den Wiener Kahlenberg bezogen hat. Der Frauenanteil liegt bei 10,6 Prozent. Das mag im Gegensatz zu anderen Fachhochschulen (da liegt der Anteil mittlerweile bei 40 Prozent) vielleicht wenig klingen, aber bedenkt man, wie technisch - also wie vorderhand (um nach traditionellen Geschlechterrollen zu gehen) unattraktiv für Mädchen - hier die Ausrichtung der einzelnen Studiengänge ist, sind die zehn Prozent eigentlich ein Erfolg. Der Blick in Lehrräume und Hörsäle macht die Mädchen hinter den Computern oder in den Testlabors zu Ausnahmeerscheinungen, da steht es dann zum Beispiel 12:2 oder 40:5.

"1996, als das Technikum Wien gegründet wurde, gab es gerade einmal zwei Mädchen", erzählt die Pressefrau Susanne Cochlar und lässt keinen Zweifel daran, dass die stets steigenden Frauenanteil-Kurve auch weiter nach oben gehen soll. Dafür wird am Technikum einiges getan: Gerade war wieder "Tag der offenen Türe", wo besonders versucht wird, den Schwerpunkt Technik Mädchen und jungen Frauen zu verkaufen. Das zeigt die neue Broschüre, die sehr augenscheinlich versucht, besonders Mädchen anzusprechen: "So spannend kann Technik sein" steht auf ihrem Cover. Gezeigt werden junge Frauenhände, die ein Fadenspiel mit roter Wolle spielen. Solche Unterlagen machen dann auch die Runde, etwa bei den FIT-(Frauen in der Technik)-Schnuppertagen, am Töchtertag oder auf der BEST (Berufseinstiegsmesse).

Das Projekt "Umgang mit Vielfalt" als Teil des EU-Programms "EQUAL - Gleiche Chancen im Betrieb" hat das Technikum Wien quasi auch durchgecheckt: Da wurden bei Mitarbeitern (da liegt der Frauenanteil bei runden 25 Prozent) und Studentinnen Benachteiligungen abgefragt. "Das Feedback war positiv", sagt Cochlar. Im Gegenteil: Die Mädchen am Technikum sprechen vielfach von einem Mädcheneffekt, der ihnen Vorteile bringt - sie genießen einfach mehr Aufmerksamkeit. Cochlar: "Junge Frauen, die bei uns studieren, sind meist sehr selbstbewusst." Und obwohl in der Geschäftsleitung vier Frauen und zwei Männer sitzen, will das Technikum auch bei Lehrenden den Frauenanteil erhöhen. Der neuen Masters-Lehrgang "Technisches Umweltmanagement" soll ab 2007 vor allem Frauen ansprechen. Ob er den Studiengang "Biomedical Engineering", wo der Frauenanteil bei 31,4 Prozent liegt (Elektronik 4,4 Prozent), übertrumpfen wird, steht noch aus. Leiten wird ihn auf jeden Fall eine Frau: Johanna Bergmann, sie ist auch die Frauenbeauftragte im Haus. Beschwerden gibt es selten.

(DER STANDARD-Printausgabe, 7.5.2005)

Von Mia Eidlhuber
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    foto: standard/urban
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