STANDARD-Interview: "Bin ich keine Frau?"

12. Mai 2005, 12:22
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Zwei Frauen mit Kinderwunsch - Zwei leidvolle Wege zum Wunschkind

Karin (41): Mit 37 hat sie bemerkt: Es geht nicht. Erste In-vitro-Fertilisation mit 38. Zwei Schwangerschaften, zwei Fehlgeburten. Mit 40 Entschluss zur Adoption. Brigitte (32): Wollte schon mit 20 Kinder. Erste IVF 2004. Beim dritten Versuch klappte es: Schwanger mit Zwillingen in der 27. Woche.

STANDARD: Wie alt ist Ihr Kinderwunsch?

Karin: Ich habe bis 26 studiert, den richtigen Mann fürs Kind lernte ich mit 33 kennen. Mit 35 hörten wir auf aufzupassen, nach zwei Jahren dachte ich: Hoppla, das geht nicht. Es gab keine medizinische Indikation. Wir haben uns zu einer IVF entschieden. Nach vier Versuchen in einem Jahr und zwei Fehlgeburten wollte ich nicht mehr. Es war eine große Erleichterung, dass für uns Adoption infrage kam.

Brigitte: Wir wollten schon mit 20 Kinder. Nach einer Untersuchung wussten wir: Mit seinem Sperma hatten wir wenig Chance, auf natürlichem Weg ein Kind zu bekommen. Ihr seid noch jung, haben alle gesagt. Mein Mann hat Hormontabletten genommen. Irgendwann haben wir den Kinderwunsch in den Hintergrund geschoben. Als er wieder verstärkt hochkam, riet uns ein Arzt sofort zu künstlicher Befruchtung.

STANDARD: Warum keine volle Namensnennung in der Zeitung, ist ungewollte Kinderlosigkeit ein Tabu?

Karin: Weil man nicht allein ist: Es sind Familie, Verwandte involviert. Es ist eine intime Sache, ich bin vorsichtig, weil es manchmal zu einem doppelten Druck, zu ständigem Erklärungsnotstand führt - besonders bei Leuten, die es gut meinen. Man ist nicht nur der Mensch, der mit allen Mitteln ein Kind will, sondern auch jemand, der in der Arbeit funktionieren muss. Es gibt Kollegen, die sagen: Euch geht's gut - double income, no kids. Oder andere, die sich beschweren, wie stressig Kinder sind. Da denke ich: Ich hätte es gern gewusst.

STANDARD: Wie belastend ist das für das tägliche Leben?

Brigitte: Die medizinische Indikation ist schwer begreiflich zu machen. Die wohl gemeinten Tipps, man soll auf Urlaub fahren, nerven, genauso wie die Wundergeschichten. Viele sagen: Seid froh, ihr müsst auf nichts verzichten.

Karin: Es ist "das Natürlichste der Welt", nur du schaffst es nicht. Man muss aufpassen, nicht zu verbittern. Man fühlt sich als Außenseiter. Meine Freundin hat gerade ein Kind bekommen, und ich denke: Das werde ich nie erleben. Wenn mich der Mut verlässt und ich am Erfolg der Adoption zweifle, ist es schlimm: die Spielplätze, die Kinderwägen, die Schwangeren.

Brigitte: Bei uns war Weihnachten eine wiederkehrende Katastrophe. Jedes Jahr dachten wir: Nächstes Jahr haben wir ein Kind. 12 Jahre lang nichts. Es sind auch Freundschaften entstanden - zu Leuten, die betroffen sind. Die sind die Einzigen, die einem in den harten Phasen helfen.

STANDARD:Wie belastet ist die Partnerschaft?

Karin: Ich habe die Belastung meines Partners lange unterschätzt. Der Druck der Gesellschaft auf Männer ist enorm: Sie müssen potent sein und sich fortpflanzen.

STANDARD:Je Angst gehabt, die Beziehung zerbricht?

Karin: Sicher. Du musst mit vielen Dingen, etwa mit Sexualität, anders umgehen. Man muss ehrlicher werden, die Romantik durch Humor ersetzen. Ich habe Qualitäten meines Partner entdeckt, die ich noch nicht kannte.

Brigitte: Beim ersten Befruchtungsversuch ging es mir sehr schlecht, mein Mann sah sich als Verursacher. Er wollte stark sein, hatte aber die gleichen Ängsten. Man fragt sich: Wo liegt die Grenze, wo man mit der Sache abschließt?

STANDARD: Die körperlichen und psychischen Nebeneffekte?

Karin: Das ist PMS hoch hundert. Am Anfang war ich depressiv: Es werden die Eierstöcke in Ruhestellung, man selbst künstlich in die Wechseljahre versetzt. Bei der Stimulierung war ich dann euphorisch. Im Grunde habe ich mich ein Jahr krank gefühlt.

Brigitte: Während der Befruchtungsversuche ist man emotional im Ausnahmezustand. Die Punktion ist ein kleiner, operativer Eingriff: Man sticht mit der Nadel durch die Scheidenwand und entnimmt die Follikel. Man bekommt dann Bescheid, wie viele Eizellen in den Follikeln gefunden und befruchtet wurden. Diese befruchteten Eizellen, meist zwei, werden nach Tagen wieder eingepflanzt. Die Wahrscheinlichkeit für Zwillinge liegt heute bei 25 Prozent. Ich werde oft gefragt: Wurde da nachgeholfen? Ich sage dann: Ja, es sind Wunschkinder. Wenn, dann hat man doppeltes Glück.

STANDARD: Wenn nicht, kommen Schuldgefühle?

Brigitte: Sie sind ständiger Begleiter. Obwohl der medizinische Grund bei meinem Mann lag, hatte ich enorme Schuldgefühle, wenn sich bei mir die befruchteten Eizellen nicht eingenistet haben. Man zweifelt an seiner Weiblichkeit. Bin ich keine Frau? Man hat eine Menge absurder Gedanken.

Karin: Ich bin 41 und ich kann die Uhr nicht zurückdrehen. Das Einzige, was ich mir heute denke: Hätte ich weitermachen sollen - nach zwei Fehlgeburten? Aber ich konnte psychisch einfach nicht mehr. Ärzte können vieles, was passiert, nicht erklären. Es ist natürlich auch ein Geschäft geworden.

STANDARD: Man schätzt: Jede vierte Frau über 35, die sich heute ein Kind wünscht, hat eine Abtreibung hinter sich.

Karin: Ich bin ich froh, dass mich das nicht betrifft. Unter diesen Umständen würde sich bei mir alles noch verstärkter abspielen.

Brigitte: Ich habe eine Freundin, die 40 ist und zwei Abtreibungen hatte. Natürlich denkt die: Das ist die Strafe.

Karin: Ich bin kein gläubiger Mensch, aber irgendwann stellt man sich doch die Frage: Warum passiert mir das, oder besser: warum mir nicht? Es ist wie ein Vexierbild: Entweder die Leute haben Angst, ein Kind zu bekommen, oder sie wollen massiv eines und bekommen keines.

STANDARD: Brigitte, haben Sie manchmal Angst?

Brigitte: Ich hatte große Angst. Ich hatte starke Blutungen, und bis zum ersten Ultraschall war alles sehr unwirklich. Manchmal denke ich, man weiß schon zu viel. Es fehlt einem der gesunde Abstand. (Mia Eidlhuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 5. 2005)

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