"Es ist ein Meer auszutrinken"

8. Mai 2005, 18:00
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Schiller und der Versuch, Paris auf die Bühne zu bringen: "und so werde ich von diesem großen Ocean ein neidloser und ruhiger Bewunderer bleiben"

"Nach Tische kam Herr Hofrat Schiller. Gespräch über Tragödie und Komödie mit einem Polizeisujet." Dürr und gewichtig zugleich mutet dieser Eintrag in Goethes Tagebüchern vom 22. März 1799 an. Wenige Tage davor hatte Schiller den Wallenstein abgeschlossen. Von Luftholen aber, oder Rast, konnte keine Rede sein. Viel zu gut wusste Schiller Bescheid über den übermächtigen Gegner, der ihm sein Körper längst geworden war. Dennoch, während sich 1805 der ihn obduzierende Arzt Wilhelm Ernst Huschke noch wundern sollte, "wie der arme Mann so lange hat leben können", schien dem Dichter gerade angesichts des eigenen Endes nichts mehr aussichtslos. Nicht einmal die Stadt Paris, in die er, obwohl Ehrenbürger der Revolution, selbst nie reisen hatte können. Dafür hatte er Louis-Sébastien Merciers Tableau de Paris umso begeisterter gelesen. Eine, im Original, zwölfbändige Sammlung unzähliger Reportagen, Skizzen, Porträts und Glossen über das vorrevolutionäre Paris. Eng, in sich verkeilt, so erscheint darin die Stadt, unübersichtlich, voller Krankheit und Gestank. Ein Meer, in das Haussmann noch nicht seine breiten Boulevards gegen den Aufbau von Barrikaden getrieben hatte.

1787 begegneten sich Mercier und Schiller in Mannheim. Während Mercier die im Nationaltheater extra für ihn aufgeführten Räuber begeisterten, zeigte sich Schiller von Merciers Großstadt-Panorama mindestens ebenso beeindruckt: "Wer Sinn und Lust hat für die große Menschenwelt, muss sich in diesem weiten grossen Element gefallen; wie klein und armselig sind unsre bürgerliche und politische Verhältnisse dagegen."

Zur Versuchung, sich als Dichter dieser Stadt zu nähern, hielt er dennoch Sicherheitsabstand, aus Respekt vor dem "großen drängenden Menschenocean". Denn sein Sinn, wenn er, wie er schrieb, einen dafür hätte, sei nicht geübt, nicht entwickelt: "und so werde ich von diesem großen Ocean ein neidloser und ruhiger Bewunderer bleiben." Ein gutes Jahrzehnt später aber empfindet Schiller schließlich doch jenen einzigen Sinn, den es angesichts eines Meeres nur geben kann, nämlich Sehnsucht. Und dazu eine Zuversicht, nunmehr selbst Stoffmengen bändigen zu können, über die er 1797, während des Wallenstein, noch an Goethe geschrieben hatte: "Es ist ein Meer auszutrinken, und ich sehe manchmal das Ende nicht."

Jedenfalls glaubte Schiller, nach der Fertigstellung des Wallenstein, im Konzept der tragischen Analysis eine Apparatur gefunden zu haben, in der sich, wie er an Goethe schrieb, die "ästhetische Vertilgung des Stoffes durch die Form" im Stück-Verlauf gleichsam von selbst ergebe. Weshalb er jetzt auf der Suche nach einem Stoff wäre, "der von der Art des Oedipus Rex wäre und dem Dichter die nehmlichen Vorteile verschaffte." Und nicht nur einen solchen Stoff meinte er schließlich im mit Goethe "nach Tisch" besprochenen Polizeysujet gefunden zu haben. Sondern gleichzeitig weit mehr. Nicht weniger als Paris sollte "als Gegenstand der Polizey . . . in seiner Allheit erscheinen", wie es gleich zu Beginn jener knapp siebzehn Seiten heißt, die unter dem Titel Die Polizey Schillers schriftliche Überlegungen zu einem großstädtischen Kriminalstück umfassen: im Zentrum des Geschehens der Audienzsaal des Polizeichefs. Darin hält der "Polizeylieutenant" alle Fäden der Verbrecherjagd in der Hand, greift selbst nur ordnend ein und behält aus dieser Distanz immer den Überblick. Dass auf diese Weise "der Zuschauer durch die Mannichfaltigkeit der Begebenheiten und die Menge der Figuren nicht verwirrt wird", ist vorstellbar.

Nur die Stadt selbst, bemerkte Schiller, und insofern schien sein Sinn für diesen Menschenozean schon viel zu gut entwickelt zu sein, würde sich so auf keinen Fall auf die Bühne bringen lassen. Da die Stadt immer erst im Verschwimmen ihre eigentlichen Konturen bekomme, wie Mercier in einer Erzählung über den Nebel in der Stadt sein Konzept eines fasslichen, eines nahen Erzählens von der Großstadt ausführt. Dabei habe er Nebel erlebt, "die so dicht waren, dass man die Fackeln nicht erkennen konnte; die Kutscher stiegen von ihren Böcken und befühlten die Straßenecken, um entweder vor- oder zurückzusetzen. Man stieß in der Undurchdringlichkeit zusammen . . . man trat beim Nachbarn ein, statt bei sich zu Hause". Dennoch sei man der Stadt und ihren Geheimnissen, ginge man nur in solcher Unheimlichkeit erst einmal verloren, weit näher als sonst.

Angesichts solcher Vorgaben sieht Schiller von seinen Polizey-Plänen schließlich ab, beginnt die Arbeit an der Maria Stuart und greift sie nur einmal, nach Abschluss der Jungfrau von Orleans, im Frühling 1801, wieder auf. Und scheitert erneut. Doch er scheitert, indem er als Dichter sichtbar wird, der die Bedingungen des literarischen Feldes der Großstadt in einer Weise durchschaut hat, angesichts der die zeitliche Distanz zu E. A. Poes Mann in der Menge oder gar Joyces Ulysses als Katzensprung erscheint. "Ein verloren gegangener Mensch", schreibt Schiller, und es klingt beinahe wie die Nachbetrachtung seines eigenen Vordringens ins Herz dieser Großstadt, "beschäftigt die Polizey. Man kann seine Spur vom Eintritt in die Stadt bis zu einem gewißen Zeitpunkt und Aufenthalt verfolgen, dann aber verschwindet er." Und vielleicht hat Schiller ja, allein in diesen beiden Sätzen, das Meer doch ausgetrunken. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.05.2005)

Von Von Martin Prinz

Martin Prinz ist Schriftsteller, er lebt in Wien. Zuletzt erschien von ihm der (Kriminal)Roman "Puppenstille" (€ 17,-, Jung und Jung).

  • Louis-Sébastien Mercier, Pariser Nahaufnahmen. Übersetzt von Wolfgang Tschöke. € 30,-/356 Seiten. Eichborn, Frankfurt/Main 2000.


  • Friedrich Schiller, Die Polizey. In: Schillers Werke. Nationalausgabe. Zwölfter Band, Dramatische Fragmente. Hrsg. von. Herbert Kraft. Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger 1982.
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