"Man kann uns nicht wegloben"

6. Mai 2005, 19:53
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Free-Jazz-Veteran und -Pianist Alexander von Schlippenbach gastiert am Samstag in Ulrichsberg

Wien - Der Free Jazz wird in Europa mit einer "doppelten Befreiung" assoziiert, einer Loslösung von den Regulativen der Tradition wie auch von den Vorgaben der US-Musiker. Alexander von Schlippenbach stimmt dem zu. Als Pionier des orchestralen Free Jazz ist der Berliner Pianist und Komponist ein Motor der europäischen Improvisationsmusik und muss es wissen.

Wobei: "Man sollte auch nicht vergessen, dass auch der Free Jazz aus Amerika kam. Freilich wurden diese Impulse von uns auf eigene Weise verarbeitet. Dazu kam, dass wir auch Neue Musik, vor allem Schönberg, hörten und unsere Vorstellungen auch von dieser Seite geprägt wurden." Schlippenbach studierte ja auch bei Bernd Alois Zimmermann, wobei er den Einfluss des Komponisten nicht überschätzt sehen möchte.

"Außer der Verwendung einiger Zwölftonreihen reflektiert kaum etwas die Beschäftigung mit der Neuen Musik. Es ging in erster Linie darum, die Errungenschaften des Free Jazz in einem größeren Ensemble auf den Punkt zu bringen. Zimmermann hat aber mein Denken stark geprägt. Für mich war er ein Mentor und ein Freund."

Wenn es um freie Improvisation geht, dann muss natürlich neben dem Globe Unity Orchestra auch das 1970 gegründete Trio mit Evan Parker und Paul Lovens genannt werden. Wie gelingt es nach all den Jahren, Klischees auf Distanz zu halten? "Was die Theoretiker einer lange zusammenarbeitenden Gruppe wie meinem Trio als ,eingespielte Klischees' ankreiden, ist zunächst eine gemeinsam gefundene Form, bei der die ,erspielten' Strukturen einem ständigen Verwandlungsprozess durch Materialprüfung, Weiterentwicklung, Potenzierung oder Verwerfung unterliegen. Dadurch bekommt die Musik auch festen Boden unter den Füßen. Das bleibt aus sich heraus aber frisch." Klar, dass Schlippenbach auch nicht zustimmen kann, wenn man dem Free Jazz heute nur noch als historische Größe klassifiziert.

"Ich meine, dass sich unsere Musik nach eigenen Gesetzen entwickelt und - wie man sieht - überdauert hat. Uns heute als ,Klassiker' wegloben zu wollen gehört zu den Anstrengungen des Jazzjournalismus, den Free Jazz mit einem Nachruf zu Lebzeiten in der historischen Schublade zu begraben. Wir sind aber noch da, es gibt zudem eine neue Generation und weltweit mehr improvisierte Musik als je zuvor." Dazu die passende Anekdote: "Das schönste Lob war nach einem Konzert einmal die Bemerkung einer Zuhörerin, unsere Musik wäre ein gutes ,Antidepressivum'. Wenn dem so ist, so ist dies eine mögliche Message." (felb/DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.05.2005)

7. 5., 17 Uhr
i. Rahmen d. Festivals Kaleidophon
Jazzatelier Ulrichsberg
07288/63 01
  • Alexander von Schlippenbach: "Das schönste Lob war die Bemerkung einer Zuhörerin, unsere Musik wäre ein ,Antidepressivum'."
    foto: keleidophon

    Alexander von Schlippenbach: "Das schönste Lob war die Bemerkung einer Zuhörerin, unsere Musik wäre ein ,Antidepressivum'."

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