Geistesblitz: Pionierin in der Welt des Wissensmanagements

7. Mai 2005, 15:00
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Mit ihrem prozessorientierten Ansatz versucht Ursula Schneider, Wissen in Bewegung zu halten

Bereits 1996 gab Ursula Schneider ihr erstes Buch über "Wissensmanagement" heraus. Lange also, bevor der Begriff in Europa Mode wurde. Was zur Folge hatte, dass sich die Leiterin des Instituts für Internationales Management an der Uni Graz nie in den Fallstricken der Mode verfing: Während die meisten, die nach ihr kamen, Wissensmanagement rasch zu einer neuen Betriebswirtschaftsmethode machten und formelhaft anzuwenden versuchten, blieb sie auf Distanz. Was es ihr erlaubte, an der Entwicklung von Wissensmanagement selbst das ewige Schicksal von Wissen zu sehen: Um der Vermittlung willen wird in eine handliche Formel gegossen, was zuvor komplexer Prozess war.

Mit einem prozessorientierten Wissensmanagement versucht Schneider dem entgegenzuwirken. Von Anfang an hat sie, die 1994 nach Graz kam und davor unter anderem an US-Unis tätig war, Wissen als Prozess betrachtet. Also als etwas, das quasi an Menschen und den Tätigkeiten, die sie mit anderen zusammen ausüben, "hängt". Es lässt sich nicht einfach abkoppeln, in Textdokumente pressen und in Datenbanken speichern. Dafür ist Wissen ein viel zu komplexes soziales Phänomen. Ein Wissensmanagement, das Sinn macht und Früchte tragen soll, muss sich deshalb um Wissensprozesse drehen. Was für Ursula Schneider in weiterer Folge auch bedeutet, dass es "ganz eng mit der Idee der 'indirekten Steuerung' verbunden zu sein hat": Es gilt, Rahmenbedingungen zu schaffen, die evolutionäre Entwicklungen in Gang bringen oder ermöglichen. Ein "fehlertolerantes Arbeitsklima" tut das beispielsweise. Die "Weichheit" der Vorgangsweise bedeutet allerdings nicht, dass Wissensmanagement ein richtungsloser Prozess ist: "Solche Maßnahmen werden dort gesetzt, wo das Wissen gerade gemanagt werden muss." Mithin dort, wo es für die Unternehmung von strategischem Interesse ist, Wissen zu entwickeln, respektive bestehende Wissensprozesse in eine bestimmte Richtung hin auszubauen.

Mit der "indirekten Steuerung" und der "strategischen Relevanz" sind bereits die beiden Kernelemente eines sinnvollen Wissensmanagements genannt. "Als drittes kommt noch hinzu, dass man die Wissensarbeiter und Wissensarbeiterinnen als Meister ihrer Prozesse akzeptiert und betrachtet." Wissensmanagement besteht dann einfach darin, diesen Arbeitern Tools zur Verfügung zu stellen, "was schon dann beginnt, wenn das Zeitbudget für die Lösung eines bestimmten Problems selbigem gemäß dimensioniert wird". Nur zu gut weiß Schneider, dass sie mit einem solchen prozessorientierten Ansatz weit über das Feld Wirtschaft hinausgeht: Was hier bearbeitet wird, ist eigentlich die Frage, wie Wissen lebendig und in Bewegung gehalten werden kann - ein Thema, das in der europäischen Geistesgeschichte jahrhundertelang vernachlässigt wurde. Dass dieses Thema für sie ein solches Gewicht hat, verdankt die 1953 geborene Schneider ihrem Elternhaus: "Ich wurde von klein auf zu kritischem Denken erzogen", weshalb Wissen und Wissenschaftstheorie nicht nur Beruf, sondern auch Hobby sind. Aber nicht nur: Ebenso reist sie gerne und "betreibt mit Leidenschaft Sport". Ohne sich von einer Sportart gefangen nehmen zu lassen: Es gilt im Kopf beweglich zu bleiben. Und zwar immer. (Christian Eigner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 5. 2005)

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    illustration: oliver schopf
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