Im Test: Sachbücher übers Mittelalter für Kinder

17. Mai 2005, 13:53
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Von edlen Rittern, Mut, Ehre und Tapferkeit, nicht nur für Kinder ...

SACHBÜCHER übers Mittelalter für Kinder bieten nicht nur kleinen Rittern und Burgfräulein eine spannende Möglichkeit, in Gedanken Burgen zu erobern und Prinzen zu küssen, fand Christa Öhlinger-Brandner heraus.

"Nu will ich sagen waz diu kint suln vernemen unde lesen und waz in mac nütze wesen", schrieb bereits im Jahr 1215 Thomasin von Zerclaere in seinem Buch Was die Jugend hören und lesen soll. Und er führte dazu umgehend Ritterepen seiner Zeit rund um Erec und Iwein, König Artus und Alexander dem Großen an, die - so kann man annehmen - eine große Faszination auf die jungen Leute des 13. Jahrhunderts ausgeübt haben. Vielleicht war es die gleiche magische Anziehung, die die Pubertierenden des 21. Jahrhunderts beim Konsumieren von zuweilen glatt gestrickten Rittergeschichten und -filmen befällt. Mit Schlagwörtern wie "tugent", "ere", "triuwe" und "milte" wusste man jedenfalls schon vor rund 1000 Jahren das Publikum zu begeistern. Und wie ähnlich klingen da dieser Tage die Worte "Sei ohne Angst im Angesichte deiner Feinde, sei tapfer und rechtschaffen . . .", mit denen im Trailer zu Ridley Scotts ritterlichem Blockbuster "Königreich der Himmel" geworben wird, der vorgestern in den österreichischen Kinos angelaufen ist. Ein Kampf für Frieden und Gerechtigkeit, Liebe und Ehre war das hehre Ziel junger Ritter im Mittelalter. Doch was tat ein Ritter nach der Schlacht? Abseits von Kampfgetümmel, Eroberungsromantik und Minne gab es auch im Mittelalter ein Alltagsleben. Wie Uta, die junge Burgherrin, Käthi, die Bauerstochter, und Konrad, der Schmiedlehrling, wahrscheinlich gelebt haben, erfahren kleine Leseratten dank eines boomenden Sachbuchmarktes auf kompetente, vielfältige, jedenfalls aber spannende Weise in Buchwelten, die durchaus auch Erwachsene in ihren Bann ziehen können.

Die Kriterien

Um nicht Schwerter mit Lanzen zu vergleichen, wurde die Beurteilung ausnahmsweise abseits der Skala von 1 bis 10 durchgeführt. Denn die Flut an Mittelaltersachbüchern für unterschiedliche Altersgruppen machte eine Vorselektion notwendig, bei der auf die langjährige Erfahrung einer Buchhändlerin zurückgegriffen und ein spezieller Fokus auf renommierte Sachbuchverlage gelegt wurde. So blieben sechs besonders empfehlenswerte Texte, die vom Pagen- über das Knappen- bis hin zum Ritteralter alle Altersgruppen abdecken. Ein Testteam bestehend aus sechs Volksschulkindern und zwei Erwachsenen näherte sich mit naturgemäß unterschiedlichen Erwartungen den Werken. Die jungen Mittelalterfans wählten ihren Favoriten nach dem einfachen Prinzip: Was gefällt mir besonders? Die in die Jahre gekommenen Testerinnen konnten sich diesen unverblümten Zugang nur indirekt erhalten und beurteilten konservativerweise die Aufbereitung des Wissens sowie Layout und Preis.

Die Ergebnisse

Wir entdecken die Ritterburg. Wieso, Weshalb, Warum. Ravensburger, 16 S., 12,95 €
Frohgemut führt Knappe Richard in Begleitung seines Erziehers durch die Ritterburg und gibt bereitwillig Auskunft darüber, wie Kinder im Mittelalter lebten und spielten. Die in dieser Form sehr kurzweilige Gestaltung überrascht auch mit interessanten Details zu Kinderspielen der damaligen Zeit. Als besonders anziehend erwies sich die Möglichkeit, hinter Klappen aus Karton versteckte Geheimnisse des Ritterlebens zu lüften. Empört war die einzige weibliche kindliche Testerin allerdings, als ein solcherart verstecktes Treffen eines kleinen Prinzen mit dem sehr jungen Burgfräulein mit "Oh nein, die gefällt mir überhaupt nicht als Ehefrau" kommentiert wurde. Gepaart mit einer farbenfrohen Illustration faszinierte diese Ausgabe vor allem das Mädchen unter den kindlichen Testern und zugegebenermaßen auch die beiden erwachsenen Leserinnen, denn was ein Ritter nächtens trägt, möchten auch große Burgfräulein gerne wissen.

Für Burgfräulein und Prinzen ab vier Jahren
Ritter und Burgen. Wissen. Action. Spaß. Ars edition, 23 S., 3,60 €
Was mit "AUA, BOING, AH!" als vermeintlicher Ausschnitt aus einer schlagkräftigen Schlachtszene beginnt, setzt sich informativ, umfassend und kurzweilig fort und endet als amüsante Persiflage auf das ewig währende "Ritter rettet Jungfrau"-Thema. Beim zweiten Lesedurchgang bemerkten auch die in die Jahre gekommenen Testerinnen, was die jungen Leser gleich erkannten: Es bedarf nicht zwingend dicker Schmöker, um einen spannenden Einblick in die Welt des Mittelalters zu erhalten. Vom Bergfried bis zum Festbankett bleibt auf rund 20 Seiten nichts unerklärt, und dazwischen ist auch noch Platz für eine kurze Ständelehre des Mittelalters und den Lebenslauf von Oskar, einem angehenden Ritter. Die Vielfalt des mittelalterlichen Daseins wird zusätzlich durch einen Stilmix in der Illustration versinnbildlicht: Comicstrip-ähnliche Bildfolgen wechseln sich ab mit informativen Zeichnungen, Fotos und Collagen, die mit Witz und Sinn für verspielte Details die Aufmerksamkeit (nicht nur) der jungen Leser auf sich zogen. Eine Bastelanleitung für eine Ritterburg aus Karton rundet das gelungene Heftchen ab.

Für angehende Pagen und Edelfräulein
Mittelalter. Magica. Unsere wunderbare Welt, Fleurus Verlag, 123 S., 12,10 €
Von Eroberungen und Erfindungen bis hin zu Landleben und Lehenswesen spannt sich der Bogen dieses fundierten und leicht verständlich verfassten Textes. Auch komplexe Sachverhalte rund um die Auflösung des Römischen Reiches werden hier anschaulich dargestellt und von ansprechenden Bildern ergänzt. Hier steht nicht die Burg als zeitloses Faszinosum im Mittelpunkt, sondern die Zeitspanne vom 5. bis zum 15. Jahrhundert in all ihren Facetten, den dunklen und tristen ebenso wie den hellen und schillernden. Unbeeindruckt von all diesen Informationen stürzten sich die jungen männlichen Tester vor allem auf jene Seiten, die dem Katapult und der Keule eine eingehende Beschreibung widmen. Sichtlich ergriffen erfolgte dann umgehend ein Vortrag im Klassenverband zu Angriffsstrategien im Mittelalter, der selbst den erwachsenen Mittestern neue Infos zu grundsätzlich bekannten Sachverhalten lieferte und zu einer spannenden Diskussion führte, die bis hin zu den Salzburger Stierwäschern reichte.

Für wissbegierige VolksschülerInnen
Das Mittelalter. Was ist Was. Bd. 118, Tessloff Verlag, 48 S., 9,20 €
Zum ambitionierten Erziehungsprogramm vieler Eltern der 70er-Jahre gehörte die Reihe Was ist Was. Die Kinder von damals wurden noch mit Schwarz-Weiß-Bildern und wenig strukturierten Textblöcken konfrontiert. Da musste schon brennendes Interesse - der in der Zwischenzeit zu Mitdreißigern Herangewachsenen - an der so dargebotenen Thematik vorhanden sein, denn andernfalls erreichten diese Bücher bestenfalls die Nachtkästchen und nur selten das Kind. "Wie schön haben es die Kids des 21. Jahrhunderts!", meinte dazu eine solcherart geprägte Testerin in Anbetracht des neuen Konzepts dieser Klassiker-Reihe. Welch gute Basis für Referate die gelungene Mischung aus Alltagsgeschichte und Fakten samt bunter Bebilderung liefert, erkannten die jungen Leser altersbedingt jedoch noch nicht, das wussten aber Pädagogin und Buchhändlerin.

Für Kinder im Referatsalter und nostalgisch verklärte Edelfrauen
Die visuelle Weltgeschichte des Mittelalters. Gerstenberg Verlag, 368 S., 36 €
Hunderte Abbildungen von Kunst-, Kultur-und Alltagsgegenständen illustrieren diese Enzyklopädie des Mittelalters. Hier ist Platz für eine Reiterstatuette Karls des Großen, für den Teppich von Bayeux und ein Bildnis Jakob Fuggers in seinem Kontor. Die Wikinger, der Islam und die Kreuzzüge finden ebenso ihre fundierte Darstellung wie Schriftstempel, Schiffsmodelle und Kräuter. Für die Zweitklässler war diese Fülle an Informationen nur in Teilbereichen erfassbar. Amüsiert waren die jungen Freunde des Mittelalters jedenfalls von Wulsthauben und Schnabelschuhen. Und erstaunt, wie aufwändig Ritterrüstungen waren.

Ein Buch zum Schmökern für Jungherren
und -damen und deren Eltern

Besonderer Dank gilt Sabine Hitzenberger von der Buchhandlung Frick in Gmunden sowie Matthias, Lukas, Kilian, Simon, Jonas, Antonia und Gundi Maurer, Lehrerin der 2. Klasse der Nikolaus-Lenau-Schule in Gmunden. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7./8.5.2005)

*) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.
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