Die Geschichte nicht verdrehen

6. Mai 2005, 22:03
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Erwiderung auf die baltische Kritik an den Siegesfeiern in Moskau - Ein Kommentar der anderen von Stanislaw Ossadtschij, Botschafter der Russischen Föderation in Österreich

Der Krieg wurde zur größten Tragödie für die Völker Europas und der Welt, unabhängig davon, auf welcher Seite ihre Länder kämpften. Keine Familie, kein menschliches Einzelschicksal blieb vor den Folgen verschont.

Die Pflicht der Historiker besteht darin, über Entstehung und Verlauf dieser Tragödie die Wahrheit zu sagen, aber sie soll kein Gegenstand der politischen Spekulationen sein.

Vor allem darf man nicht zulassen, dass bei der Einschätzung der Kriegsergebnisse die moralischen Maßstäbe verschoben werden. In seiner Rede am 27. Januar d.J. in Auschwitz nannte Präsident Wladimir Putin Versuche, die Kriegsgeschichte umzuschreiben, Opfer und Henker, Befreier und Besetzer in ihren Rechten gleichzustellen, "höchst unmoralisch".

In diesem Zusammenhang kann man nicht umhin, zu erwähnen, dass in der letzten Zeit, besonders am Vortag des 60. Jahrestages des Sieges über den Nationalsozialismus, einige europäische Länder dazu tendieren, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges eigenwillig auszulegen oder gar zu revidieren.

Die zentrale Propagandathese der Geschichteverdreher besteht darin, dass die Befreiung ihrer Länder vom Faschismus nicht Freiheit, sondern Okkupation brachte, wofür sich Russland entschuldigen müsse.

Ganz offensichtlich ist, dass man nach der heutigen "politischen" Forderung der Schuldanerkennung in weiterer Folge versuchen wird, konkrete Forderungen nach finanzieller Entschädigung, territoriale Ansprüche usw. zu stellen.

Selektive Erinnerung

Bei der rechtlichen Beurteilung der Lage im Baltikum Ende der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts kann der Begriff "Besatzung" nicht verwendet werden, da die UdSSR mit den baltischen Staaten nicht im Kriegszustand war und überhaupt keine Kampfhandlungen geführt wurden. Die Truppen marschierten auf vertraglicher Grundlage und mit Zustimmung der damaligen politischen Führung jener Republiken ein – was immer wir von dieser auch halten mögen.

Außerdem waren in Lettland, Litauen und Estland, als diese zur Sowjetunion gehörten – mit Ausnahme des Zeitraums, als dieser Teil der UdSSR während des "Großen Vaterländischen Krieges", des Zweiten Weltkrieges, von Deutschland besetzt war –, nationale Machtorgane in Funktion. Und bekanntlich haben gerade diese Machtorgane – die Obersten Sowjets dieser Republiken –, egal wie wir dies auch heute beurteilen, 1990 beschlossen, aus der UdSSR auszutreten.

Wenn also die Legitimität der Machtorgane der Sowjetzeit in Zweifel gezogen wird, so stellt sich zwangsläufig auch die Frage nach der Legitimität der Proklamierung der Unabhängigkeit der baltischen Republiken.

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass in den 30er-Jahren einige Regierungen in einigen europäischen Ländern sehr weit von demokratischen Verhältnissen entfernt waren. Die drei baltischen Republiken sagten sich Mitte der Dreißigerjahre von der parlamentarischen Demokratie los. Es siegten Diktaturen, politische Repressionen waren an der Tagesordnung.

Natürlich entlässt in Russland niemand das stalinistische Regime aus der Verantwortung für die repressiven Maßnahmen; und gerade in der UdSSR und im neuen Russland wurden die Verbrechen jener Zeit auch enthüllt.

Aber in Russland erinnert man sich auch daran, wie zum Beispiel dreißig lettische Polizeibataillone auf dem Gebiet der baltischen Republiken wüteten. Und auch die Verbrechen der 20. SS-Division, welche aus estnischen Freiwilligen bestand, sind vielen Menschen noch lebhaft in Erinnerung.

Bestimmte Kreise, die verstehen, dass sie bei der historischen Schlacht zwischen Gut und Böse, beim Kampf der Völker gegen den Faschismus sich nicht mit Ruhm bedeckt haben, leben jetzt krankhafte Komplexe aus und suchen bei der Geschichtsklitterung Zuflucht.

Vor dem Hintergrund eines solch einseitigen Blicks auf den historischen Prozess können auch die in den baltischen Staaten geplanten Veranstaltungen am Vorabend des Siegesjubiläums kein Erstaunen mehr hervorrufen.

Zur Illustration: Das Stadtparlament der lettischen Stadt Liepaja gestattete ohne Zögern die Durchführung eines Gedenkmarsches am 16. März für die lettischen Legionäre in der SS. Im benachbarten Tallinn ist dieser Tage die Enthüllung eines Denkmals für die estnischen SS-Leute, welche die Stadt vor der heranrückenden Sowjetarmee verteidigten, geplant. Bei den Enthüllungsfeierlichkeiten werden nicht nur ehemalige baltische Nazis, sondern auch ihre "Waffenbrüder" aus Deutschland, Dänemark, den Niederlanden und Norwegen teilnehmen.

Tage der Versöhnung

Diese Aktivisten sollen daran erinnert werden, dass das Gedenken keine Waffe der Rache, sondern ein aufbauendes Instrument ist, das man ausschließlich für friedliche Zwecke einsetzen soll – für die Errichtung eines festen Fundaments des zukünftigen Europas und nicht zur Nutzung eines augenblicklichen politischen Vorteils.

Der 60. Jahrestag des Sieges soll keinen Vorwand für Konfrontation, Abrechnung und gegenseitige Beleidigungen geben. Es hat symbolischen Stellenwert, dass die Organisation der Vereinten Nationen den 8. und 9. Mai zu Gedenk- und Versöhnungstagen erklärte. Unter diesem Blickwinkel werden auch feierliche Veranstaltungen in Moskau durchgeführt, bei denen Staats- und Regierungschefs aus mehr als 50 Ländern und die Leiter der führenden internationalen Organisationen anwesend sein werden. Auf Einladung des Präsidenten Russlands, Wladimir Putin, wird auch der Präsident Österreichs, Heinz Fischer, an den Jubiläumsfeierlichkeiten teilnehmen, was in unserem Land mit besonderer Anerkennung wahrgenommen wurde.

Es ist wichtig, dass die bevorstehende Feier zur Vereinigung aller Länder und Völker beiträgt und unsere Solidarität angesichts der globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts fördert. (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2005)

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    Ein Vertreter der russischen Diplomatie verwahrt sich gegen "politische Spekulationen" und "revisionistische Propagandathesen.

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