Tony Blair und die Demut des Siegers

11. Mai 2005, 16:49
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Bei den Wahlen haben alle irgendwie gewonnen und doch verloren

Es ist weit nach Mitternacht, Tony Blair steht auf einer Bühne in Sedgefield, er wird zum Sieger seines Wahlkreises erklärt, doch er kann sich nicht freuen. Zeigt nicht die Spur eines Lächelns. Das Geburtstagskind, gerade 52 geworden, wirkt müde, abgekämpft und ungewöhnlich verkrampft.

Die Briten hätten einen Sieg Labours gewollt, jedoch einen Sieg mit reduzierter Mehrheit, räumt Blair mit zerknirschter Miene ein. "Wir müssen darauf antworten. Irak war ein Thema, das dieses Land gespalten hat. Ich hoffe, dass wir es wieder einen und in die Zukunft blicken können."

Bescheidene Worte, demütig fast im Vergleich zu den Hymnen, die der Star der Neuen Mitte anstimmte, als er im Mai 1997 erstmals triumphierte. "Ein neuer Morgen hat begonnen, und er ist wunderschön", rief Blair seinen jauchzenden Anhängern damals zu, und wie auf Bestellung leuchtete der Himmel über der Themse in zartestem Rot. Diesmal verspürte der entzauberte Wunderknabe nicht die geringste Lust auf ausgelassene Freudenfeiern, obwohl er ja wirklich in die Geschichtsbücher eingeht: Nie zuvor hat ein Labour-Premier dreimal in Folge die Oberhand behalten, nur Maggie Thatcher ist dieses Kunststück zuletzt gelungen.

"Wahlergebnis-Veranstaltung"

Wie es Sitte ist am Ende einer Wahlnacht, flog Blair am frühen Morgen aus dem einstigen Kohlerevier Sedgefield nach London, zum Händeschütteln mit Freunden, das aber diesmal nicht Siegesparty genannt werden durfte, sondern "Wahlergebnis-Veranstaltung" heißen musste. Draußen mussten Leibwächter den Fuchsjäger Otis Ferry niederringen, den zornigen Sohn des Rockstars Bryan Ferry. Drinnen sagt Blair: "Wir müssen den Menschen zuhören, wir müssen klug und gefühlvoll auf sie reagieren."

So spricht ein Sieger, der genau weiß, dass er mit einem blauen Auge davonkam. Dies sei der schwächste Wählerauftrag, den Blair je erhalten habe, analysiert der Oxford-Professor David Butler. Die riesige Mehrheit von 167 Unterhaussitzen, die Labour vor vier Jahren genoss, ist auf 66 Mandate Vorsprung geschrumpft. Die Opposition kann die Regierungspartei auch im neuen Parlament nicht ernsthaft gefährden, doch näher gerückt ist sie ihr schon.

Ära echter Dreiparteienpolitik

"Die Ära echter Dreiparteienpolitik hat begonnen", frohlockte Charles Kennedy, der eloquente Vorsitzende der Liberaldemokraten, der mit Baby Donald in der Tragetasche seinen Vaterstolz medienwirksam zur Schau stellte. Der rothaarige Schotte verkauft sich zurzeit als das netteste Gesicht der Insel, als Mann des Ausgleichs, der auf positive Botschaften setzt statt auf Polemik.

In Folkestone am Ärmelkanal, wo der Eurotunnel endet, strahlte Tory-Chef Michael Howard, als wäre ihm der größte Coup seiner Karriere gelungen. "Dies ist ein wichtiger Schritt hin zu unserer Genesung", jubelte der 63-Jährige. Man konnte zusehen, was für eine Zentnerlast ihm von den Schultern fiel. Unter Howard verloren die Konservativen zwar ein weiteres Mal, aber längst nicht so verheerend, wie es ihnen die düstersten Umfragen prophezeiten.

Dennoch stellte Howard sein Amt zur Verfügung. Er werde zurücktreten, wenn seine Partei einen neuen Führer designieren werde, erklärte er. "Da ich sie (die nächste Wahl, Anm.) nicht bestreiten kann, glaube ich, dass es besser ist, abzutreten." Howard fügte hinzu, er bleibe vorerst an der Spitze der Partei, bis ein Nachfolger gefunden sei.

Freitagmittag ließ sich Tony Blair von Queen Elizabeth einen neuen Auftrag zur Regierungsbildung erteilen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.5.2005)

Frank Herrmann aus London
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