Gute Miene, böses Spiel

6. Mai 2005, 19:26
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Anita Ammersfeld durchkreuzte die Pläne der Wiener Kulturpolitik und gründete ein Privattheater, das sie notfalls auch ohne Subvention betreiben will

Die Sopranistin und Theaterproduzentin Anita Ammersfeld durchkreuzte die Pläne der Wiener Kulturpolitik. Denn sie erfüllte sich einen Lebenstraum und gründete ein Privattheater, das Stadttheater Walfischgasse. Notfalls will sie den Betrieb auch ohne Subvention führen.


Wien - Eigentlich ein Hohn: Just in einer Zeit, in der die Wiener Kulturpolitik versucht, die Privattheater unter ihre Kontrolle zu bekommen (einige Theaterleiter fühlen sich mehr oder weniger gezwungen, ihre Mietverträge der Stadt zu überantworten), just also während dieser Theaterreform eröffnet jemand ein neues - Privattheater. Das Stadttheater Walfischgasse.

Wirklich neu ist das Theater natürlich nicht: Von 1973 an war es als Kleine Komödie bekannt. Und davor als Neues Theater am Kärntnertor, das Gerhard Bronner 1959 mit dem längst legendären Programm Dachl über'm Kopf eröffnet hatte. Anita Ammersfeld, Sopranistin und freie Theaterproduzentin, übernahm das Theater, da Prinzipal Helmut Siderits im Herbst 2003 in Konkurs gegangen war: Sie erfüllte sich, ermutigt von Robert Jungbluth, Exdirektor des Josefstadttheaters, einen Lebenstraum. Und ihr Mann Erwin Javor, ein Unternehmer (Frankstahl), der auch die Zeitschrift NU maßgeblich fördert, stellte für die geglückte Generalsanierung rund 400.000 Euro zur Verfügung.

Mit einer Erstaufführung startete Anita Ammersfeld am 20. April: Der Schweizer Charles Lewinsky inszenierte selbst sein berührendes Stück Freunde, das Leben ist lebenswert! über Fritz Grünbaum, Hermann Leopoldi und Fritz Löhner-Beda im KZ Buchenwald. Die Prinzipalin hatte natürlich gehofft, dass die Politprominenz, die zu jeder Musicalpremiere der Vereinigten Bühnen kommt, auch der Eröffnung ihres Theater beiwohnen würde. Doch fünf Tage vor der Eröffnung sagte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ab: "Leider ist es mir aufgrund meines vollen Terminkalenders nicht möglich, die Premiere zu besuchen."

Auch zu einem Gespräch mit Mailath (SP) kam es bisher nicht. Der Stadtrat ließ den Termin mehrfach verschieben - und als es dann doch einen gab und Ammersfeld im Kulturamt erschien, hatte Mailath keine Zeit. Die Ignoranz kann die Theaterdirektorin nicht verstehen. Schließlich hatte Mailath ihr vor gar nicht so langer Zeit, im Oktober 2002, das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien überreicht. Auch Ammersfeld hätte, so Mailath, mit "ihrer Kunst leidenschaftlich, facettenreich und vielschichtig zum Erlebnis Theater beigetragen".

Hohle Worte? So scheint es: Förderung erhielt Anita Ammersfeld bisher keine. Weder wurde ihr eine Jahressubvention in der Höhe, die zuvor die Kleine Komödie erhalten hatte (363.345 Euro 2002, 218.000 Euro 2003), zuerkannt, noch eine Projektförderung.

Gescheitert ist Ammersfeld auch bei Staatssekretär Franz Morak (VP). Die Argumentation ist nachgerade als perfid zu bezeichnen. Denn in einem Brief vom 29. April, also neun Tage nach der Premiere, heißt es: "Leider besteht für bereits realisierte Projekte grundsätzlich keine Förderabsicht. Sie werden gebeten, Anträge für allfällige weitere Eigenproduktionen zumindest drei Monate vor Produktionsbeginn einzureichen." Im gleichen Brief wird aber eingestanden, dass der Antrag mit 20. Dezember 2004, vier Monate vor der Premiere, datiert ist ...

"Ich versuche, all dies mit Humor zu nehmen", sagt die Prinzipalin. Sie weiß, dass es keinen Anspruch von vornherein gibt. Aber sie wünscht sich zumindest eine faire Behandlung. "Ich erwarte mir nicht, dass der Förderkuchen vergrößert wird. Aber ich hoffe doch, dass die Kuchenstücke gerecht verteilt werden. Denn wenn einer viel bekommt, weil er gut Freund ist mit dem Bürgermeister, und der andere bekommt nichts, dann führt das zu einer krassen Wettbewerbsverzerrung."

In die Knie zwingen lässt sie sich aber nicht: Sie will beweisen, dass man Theater mit Anspruch machen kann - notfalls auch ohne Subventionen. (DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.05.2005)

Von Thomas Trenkler
  • Fordert von der Kulturpolitik eine gerechte Verteilung der Fördermittel ein: Theaterleiterin Anita Ammersfeld.
    foto: standard/andy urban

    Fordert von der Kulturpolitik eine gerechte Verteilung der Fördermittel ein: Theaterleiterin Anita Ammersfeld.

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