Was Russland von Deutschland lernen kann

6. Mai 2005, 21:53
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Kommentare der anderen von Litauens Ex-Präsident Landsbergis, Lettlands Präsidentin Freiberga und Estlands Ex-Premier Laar

Vytautas Landsbergis, Ex-Präsident von Litauen

Gewiss, die UdSSR löste diesen Krieg im Verein mit Hitler aus, aber ihre Verantwortung ist unbestreitbar. Indem es diese Feiern auf dem Roten Platz abhält und so den sowjetischen Sieg unterstreicht, feiert das heutige Russland auch seine Zugewinne aus diesem Krieg. Einer davon war mein eigenes Land, Litauen, dessen Angliederung an Stalins Reich von unzähligen Tragödien begleitet war. Wenn zwei Kriminelle eine Abmachung mit dem Blut ihrer Opfer besiegeln, so bleibt diese Handlung nach dem Gesetz ein Verbrechen, selbst wenn die beiden Kriminellen sich später zerstreiten und einander mit einem Kugelhagel überziehen. Dasselbe gilt für die beiden größten europäischen Verbrecher des 20. Jahrhunderts.

Wir dürfen die Verbrechen, die Hitler und Stalin gemeinsam als de facto Verbündete begingen, nicht vergessen, nur weil sich beide später gegeneinander wendeten. Das Blut der Opfer des Zweiten Weltkriegs ruft nach Gerechtigkeit, vor allem aber gebietet es, ehrlich mit der Frage umzugehen, wer und was ihr tragisches Schicksal verursachte. Falls diejenigen, die sich nun in Moskau versammeln, irgendetwas sagen, das die sowjetischen Kriegsverbrechen legitimiert, erweisen sie sich damit als unempfänglich für die lautlosen Schreie der Millionen unschuldigen Opfer dieses Krieges. Der einzige echte Gewinner wäre dann der Geist dieser Übeltaten.

Übersetzung: Jan Neumann

Varia Vike-Freiberga, Präsidentin der Republik Lettland

Als Präsidentin von Lettland habe ich die Einladung von Präsident Putin angenommen, am bevorstehenden 9. Mai nach Moskau zu kommen, obwohl das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur den willkommenen Zusammenbruch des Naziregimes mit sich brachte, sondern auch den Verlust der Unabhängigkeit für mein Land, erneute Ermordungen, Repressionen und Wellen auf Wellen von Massendeportationen.

Ich werden denen, die im Krieg starben, meinen Respekt bekunden in der Hoffnung, dass Russland eines Tages den Mut aufbringen wird, seiner eigenen Geschichte ins Angesicht zu schauen; dass Russland die Fähigkeit erwerben wird, zwischen seinen Helden und seinen Tyrannen zu unterscheiden; und dass Russland endlich und endgültig die unzähligen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilen wird, die von der Sowjetunion im Namen des Kommunismus begangen wurden.

Quelle: "Tagesspiegel"

Mart Laar, Ex-Premier der Republik Lettland

Für Westeuropa war für viele Jahre der einzig Schuldige Nazideutschland. Für Zentral- und Osteuropa ist die Situation komplizierter. Hier erinnern sich die Menschen daran, dass der Zweite Weltkrieg als Ergebnis des Molotow-Ribbentrop-Paktes begann, der am 23. August 1939 von Nazideutschland und der Sowjetunion unterzeichnet worden war. In den Geheimprotokollen des Paktes haben Hitler und Stalin Europa unter sich aufgeteilt und so den Weg zum Zweiten Weltkrieg geebnet. Neue Dokumente aus den Sowjetarchiven beweisen klar: Indem er Hitler zum Beginn des Zweiten Weltkrieges ermunterte, hoffte Stalin, dass ihm der Konflikt in Europa die Möglichkeit geben würde, in einem Aufwaschen die Weltrevolution zu entflammen und Europa zu erobern. Durch die sowjetische Okkupation verloren allein die Baltischen Staaten über 20 Prozent ihrer Bevölkerung.

Der Nürnberger Prozess hat in gerechtfertigter Weise einen Teil dieses kriminellen Paktes – nämlich den Nazismus – verurteilt. Mehr noch – Deutschland hat sich öffentlich für den Molotow-Ribbentrop-Pakt und für alle Zerstörungen sowie den Terror, den Nazideutschland während des Zweiten Weltkriegs geschaffen hat, entschuldigt.

Deutschland hat sich seiner Geschichte gestellt und ist nun frei, an der Demokratie und einer prosperierenden Gesellschaft zu bauen. Leider hat das Gleiche auf der anderen Seite des Paktes nicht stattgefunden. Die Verbrechen des Kommunismus sind nicht verurteilt.

Was aber noch schlimmer ist: Russland weigert sich selbst heute noch, vier einfache Worte zu den Opfern des Kommunismus zu sagen: Es tut uns Leid!

Übersetzung: Eduard Steiner (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2005)

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